Süchtige Mitarbeiter richtig ansprechen

Bemerken Arbeitgeber, dass einer ihrer Mitarbeiter ein Suchtproblem hat, sollten sie sofort das Gespräch mit diesem Mitarbeiter suchen. Aber wie findet man die richtigen Worte, ohne den anderen direkt zu verschrecken?

„Ich mache mir Sorgen um dich“

 

Katrin Schnell, Leiterin des Präventionszentrums der SiT – Suchthilfe in Thüringen GmbH in Erfurt und Spezialistin für betriebliche Suchtprävention, auch im Auftrag der IKK classic, gibt Tipps!

 

Frau Schnell, warum sollten gerade Inhaber von Handwerksbetrieben bei einem Mitarbeiter sofort das Gespräch suchen, wenn sie das Gefühl haben, dieser Mitarbeiter hat ein Suchtproblem?
Katrin Schnell: „Handwerker verrichten sogenannte ,gefahrgeneigte Tätigkeiten‘. Vor allem auch, wenn sie auf einer Baustelle arbeiten oder Dachdecker sind, also in der Höhe im Einsatz sind. Damit es nicht zu Unfällen kommt, ist es ganz wichtig für die Chefs von Handwerkern, den Mitarbeiter sofort anzusprechen, wenn sie Verhaltensauffälligkeiten bei ihm bemerken.“


Wie kann der Betrieb dazu beitragen, Sucht zu stoppen?
Schnell: „Grundsätzlich ist jeder Betroffene für seinen Suchtmittelkonsum selbst verantwortlich. Allerdings hat das Umfeld einen großen Einfluss darauf, wie lange ein Suchtprozess dauert. Denn die Kollegen sind genauso wie das private Umfeld oft ,hilflose‘ Helfer im Suchtprozess. Solange man den Konsum verharmlost und den Abhängigen oder den Gefährdeten vor negativen Konsequenzen sogar schützt, hat der Betroffene den Eindruck, dass sein Leben gut funktioniert und alles in Ordnung ist. Erst wenn der Betroffene schlechte Erfahrungen durch seinen Konsum spürt, wird der Leidensdruck so groß, dass er sein Verhalten ändert.“


Wie genau sprechen die Arbeitgeber das Problem denn am besten an?
Schnell: „Wichtig ist, dass sie nicht mit Vorwürfen oder Unterstellungen auf den Mitarbeiter losgehen und lauter ,Du-Sätze‘ formulieren. Stattdessen sollten sie lieber ,Ich-Sätze‘ formulieren, indem sie von ihrer eigenen Wahrnehmung sprechen. ,Ich nehme in letzter Zeit wahr, dass du dich verändert hast. Ich mache mir Sorgen um dich. Nehme ich das richtig wahr? Sind meine Sorgen berechtigt?‘ So könnten die ersten Sätze aussehen. Wichtig ist immer, das auffällige Verhalten anzusprechen und mit sachlichen Argumenten darzustellen: ‚Du hattest in den letzten Wochen viele Kurzfehltage, immer montags; deine Arbeit verrichtest du nicht mehr so gewissenhaft wie früher; außerdem bist du mit einer Alkoholfahne und einem unkontrollierten Gang und lallender Sprache aufgefallen.‘“

Chef kann Beweis verlangen


Was ist, wenn mein Gegenüber alles ableugnet, ich als Chef aber unbeirrt das Gefühl habe: Da stimmt was nicht?
Schnell: „Dann kann ich als Chef genau das noch einmal in eine ,Ich-Botschaft‘ packen. ,Ich werde das Gefühl nicht los, dass du Sorgen hast. Du könntest mir helfen, indem du mir einen Beweis dafür lieferst, dass diese Sorge wirklich unberechtigt ist.‘“


Der Chef kann einen Beweis verlangen?
Schnell: „Ja, der Arbeitgeber kann vom Arbeitnehmer verlangen, bei einem Verdacht, Suchtmittel zu konsumieren, einen Gegenbeweis zu liefern. Wenn etwa der Verdacht besteht, dass der Mitarbeiter Alkohol im Blut hat, kann der Chef von seinem Mitarbeiter verlangen, dass dieser innerhalb von zwei Stunden zum Arzt geht und zum Beispiel sein Blut untersuchen lässt. Oder er kann ihn freiwillig in ein Gerät zum Messen des Alkoholspiegels im Blut pusten lassen, wenn er ein solches Gerät besitzt.“


In Zusammenarbeit mit der IKK classic bieten Sie betriebliche Suchtprävention an und schulen Führungskräfte im Umgang mit süchtigen Mitarbeitern. Was ist der besondere Ansatz der IKK classic?
Schnell: „Wir bieten drei Workshops an, die jeweils anderthalb Stunden dauern. Hierin vermitteln wir den Arbeitgebern, wie man eine Abhängigkeit erkennt, und wir lassen sie ihren eigenen Konsum, beispielsweise von Alkohol, reflektieren. Wir bieten Rollenspiele an, in denen wir das Gespräch mit einem auffälligen Mitarbeiter üben, und geben Tipps, wie man das Thema Sucht auch noch in andere Maßnahmen zum betrieblichen Gesundheitsmanagement integrieren kann, beispielsweise in Prävention gegen Stress.“

IKK-Praxistipp Gesundes Führen

Wie Arbeitgeber einen Mitarbeiter ansprechen, wenn sie das Gefühl bekommen, dieser habe ein Suchtproblem, hat viel mit einem gesunden Führungsstil zu tun. Und ein gesunder Führungsstil hängt wiederum mit Wertschätzung zusammen. Im Interview verrät IKK-Gesundheitsexperte Frank Klingler, wie Wertschätzung im Arbeitsalltag funktioniert, und gibt praktische Tipps für Führungskräfte für eine gesunde Kommunikation mit ihren Mitarbeitern. Denn nur wenn diese Kommunikation gesund ist, gibt es eine Chance, dass sich ein Mitarbeiter mit einem Suchtproblem seinem Chef gegenüber öffnet. Mehr dazu lesen Sie hier!

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