Protokoll eines Ex-Alkoholsüchtigen

Manfred Schmidt*, gelernter Steinmetz aus Sachsen, geriet in den Sog der Alkoholabhängigkeit. Nach einer erfolgreichen Entzugstherapie hat der heute 49-Jährige wieder Tritt gefasst und ist mit seinem Leben zufriedener als je zuvor. In profil erzählt der Handwerker anonym seine Geschichte.

Nach dem Entzug wieder voll im Leben

„Nach meiner Ausbildung zum Steinmetz in Sachsen in den späten 80ern bin ich viel auf Montage gewesen. Da war ich oft abends allein auf meinem Zimmer und habe meine Familie und Freunde vermisst. Der Griff zur Flasche Bier geht da ganz schnell. Das ist bei anderen Monteuren auch oft so.

Der Druck in unserem Job ist hoch. Wenn man sein Pensum nicht schafft oder zu oft krankfeiert, bekommt man zu hören: ,Wir kriegen morgen einen neuen Mitarbeiter, der den Job sehr gern machen würde.‘ Es ist in meinen Augen vor allem dieser Druck, der viele meiner Kollegen zur Flasche greifen lässt.

Ich habe keinerlei familiäre Vorbelastung, bei uns war niemand Alkoholiker. Ich habe eine tolle Familie und einen großen Freundeskreis. Und dennoch bin ich in die Sucht abgerutscht.

Der Prozess des Trinkens ist schleichend. In 2014 habe ich schon gemerkt, dass ich so langsam die Kontrolle verliere. Es fing an mit Bier und ging dann weiter mit Spirituosen. Man muss sich das mal vorstellen – drei Kästen Bier und zwei Flaschen Whisky waren mein wöchentliches Pensum. Ich hatte keinen Appetit mehr, habe permanent abgenommen, rund 15 Kilo in kurzer Zeit. Ich habe trotzdem funktioniert, meine Blutwerte waren auch gar nicht so schlecht, dass mein Körper mich gezwungen hätte, aufzuhören.

Man bleibt ein Leben lang Alkoholiker

Und dann, eines Morgens im März 2018, war Schluss. Ich bin morgens wachgeworden und habe zu meiner Frau gesagt: ,Jetzt gehe ich zum Arzt. Jetzt ist Feierabend mit dem Alkohol.‘

Mein Arzt hat dann sofort einen Platz im Krankenhaus klargemacht und da war ich fünf Tage lang auf Entzug; dieser war aber gut auszuhalten, ich brauchte keine Tabletten, hatte keine typischen Erscheinungen wie Schmerzen oder Schweißausbrüche.

Nach den fünf Tagen waren die Blutwerte viel besser und mein Appetit kam zurück. Aber ich war sehr, sehr müde, weil der Körper komplett mit dem Abbau des Alkohols beschäftigt war. Eine 21-tägige Entgiftungskur schloss daran an, bevor es in die Langzeittherapie ging. Nach den 21 Tagen bin ich als geheilt entlassen worden, war erst einmal wieder für vier Wochen arbeiten.

Ich arbeite nicht mehr als Monteur wie früher, sondern im städtischen Bauhof, repariere Grünflächen und Straßen, beruhige Flüsse, all so was. Alle standen hinter mir, der Chef hat mir sofort wieder Verantwortung übertragen, keiner hat mich irgendwie blöd angeguckt. Meine Kollegen waren einfach vorbildlich, ich habe mich absolut gut aufgehoben gefühlt. So als wäre ich gar nicht weg gewesen. Das gilt auch für mein Heimatdorf, ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt. Ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt, und alle haben mich wieder aufgenommen.

Doch ich wollte unbedingt noch die Langzeittherapie machen und habe mich für eine Klinik entschieden, die von meinem Bauchgefühl her passend war. Man muss erst komplett ,trocken‘ sein, bevor man eine solche Zwölf-Wochen-Therapie beginnt. Die Gespräche, der Sport, die geregelten Mahlzeiten – das alles ist super. Ende August 2018 waren die zwölf Wochen rum. Ich bin ein ganz neuer Mensch.

Mein Job ist jetzt so viel ruhiger, ich schlafe in meinem eigenen Bett, habe meine Familie um mich. Und ich weiß genau, dass ich nie wieder trinken darf. Wenn der Gedanke an eine Flasche Bier aufkommt, kann ich sofort meinen Therapeuten anrufen. Denn: Man ist nie wirklich ,trocken‘, man bleibt sein Leben lang Alkoholiker. Schon eine Weinbrandbohne reicht, um wieder anzufangen!“

 

*Name von der Redaktion geändert.

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