Mädchen im Handwerk: Appetit auf Ausbildung

Nur jeder fünfte Azubi im Handwerk ist weiblich. Oft hängen Chancen für Mädchen von engagierten Betriebsleitern oder Einrichtungen wie dem Handwerkerinnenhaus in Köln ab.

„Ich bin froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe“

Das Foto zeigt Tamara Reichle, Auszubildende im Handwerk

Tamara Reichle

 

Selbstbewusst stützt sich Tamara Reichle auf einer Wasserwaage ab, in der rechten Hand hält sie gekonnt einen Winkelschleifer. Ihre braunen, langen Locken reichen bis zum oberen Teil ihrer Latzhose. Ihr Lächeln ist offen, ihre Augen strahlen. Mit diesem Bild ziert die Metallbauazubine den Monat Februar des Kalenders „Germany’s Power People 2019“. Das Deutsche Handwerksblatt, die Signal Iduna Gruppe und die IKK classic suchen mit dieser Aktion jährlich engagierte Handwerkerinnen und Handwerker, die sich vor der Kamera gerne mal von einer anderen Seite präsentieren wollen. Die Idee, sich zu bewerben, hatte allerdings Tamara nicht selbst: „Mein Chef hat mich darauf gebracht.“

Von 79 Mitarbeitern sind zwei weiblich


Tamaras Chef, Franz Manz, Geschäftsführer der Manz GmbH in Warthausen, hatte aber nicht nur dafür den richtigen Riecher. Als Tamara Reichle noch während ihrer Schulzeit in dem schwäbischen Metallbauunternehmen ein Praktikum machte, bekam sie von ihm höchstpersönlich das Angebot, dort eine Ausbildung zu machen. Und sie sagte zu. Obwohl ihr klar war, dass sie dann künftig sehr viele männliche Kollegen haben wird. „Von den 79 Mitarbeitern sind gerade mal zwei weiblich“, erklärt die 19-Jährige.


Am Anfang hatte sie schon ein wenig Angst, wie es vor allem mit den älteren Kollegen so laufen würde. Aber bereits nach einigen Wochen war das Eis gebrochen: „Die Gespräche sind plötzlich persönlicher geworden.“ Auch dass körperlich schwere Arbeit, wie das Montieren von Geländern, zu ihrer Arbeitsroutine zählt, war kein Problem. Nun, da sie am Ende ihrer Ausbildung steht und vom Betrieb übernommen wird, ist sie stolz auf ihre Wahl: „Ich bin sehr froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe.“


Gerade Mädchen für das Handwerk zu begeistern, ist auch Ziel des Handwerkerinnenhauses in Köln. Seit 1989 bieten dort Fachfrauen aus verschiedenen Gewerken Kurse und Programme an. „Oft schicken uns Schulen aus ganz Köln die Mädchen einer kompletten Jahrgangsstufe“, erklärt Petra Supplie, Tischlerin und Anleiterin der Mädchenkurse.

Rund 900 Mädchen jährlich

 

Einen Tag lang erfahren die Mädchen bei der Berufsorientierung „Holly Wood“ dann viel Wissenswertes und fertigen ein eigenes Werkstück an. „Aber es gibt immer noch Schwellenängste. Deshalb haben die Mädchen hier ihren eigenen Raum“, sagt Supplie. Wer Interesse hat, kann im Handwerkerinnenhaus weitere Kurse besuchen. „Bei einigen mündet das dann in ein Praktikum oder in eine Ausbildung.“


Rund 900 Mädchen werden durch das Kölner Konzept jährlich erreicht. Dennoch ist aktuell nur jeder fünfte Azubi im Handwerk weiblich. Besonders beliebt sind bei den Mädchen übrigens die Berufe Tischlerin und Malerin. Tamara Reichle ist als Metallbauazubi also noch eine Exotin.

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