Ausbildung … und dann?

Selbst auszubilden ist nur der erste Schritt, um Fachkräfte in den eigenen Betrieb zu holen. Wichtig ist, dass sie bleiben: Fördern Chefs das soziale Miteinander etwa wie auf dem Sportplatz durch gemeinsame Taktik auch außerhalb des Arbeitsplatzes, entsteht Bindung.

„Gemeinsam eine Taktik entwickeln – wie auf dem Sportplatz“

Jakob Osman hat sich mit seiner Agentur Junges Herz unter anderem auf Ausbildungsmarketing im Handwerk spezialisiert. Er erklärt im Interview mit der profil, wie Betriebe ihre jungen Fachkräfte langfristig binden können.

 

Gerade große Firmen arbeiten oft aufwändig an ihrer Unternehmensmarke, um Mitarbeiter zu halten. Doch lohnt sich Employer Branding auch für den kleinen Betrieb?

Jakob Osman: Sich als glaubwürdiger und attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, ist für alle wichtig. Gerade für kleinere Betriebe ist es dafür gar nicht von Bedeutung, große Strategien zu entwickeln. Vielmehr ist es entscheidend, dass die Führungsmentalität stimmt und sich die Mitarbeiter gut behandelt fühlen.

Doch was macht einen guten Betriebsleiter genau aus?

Osman: Wichtig ist es, als Chef den vollzogenen Mentalitätswechsel vor Augen zu haben. Die Generation zwischen 15 und 35 Jahren tickt in vielen Dingen anders. Das Prinzip „Halt den Mund und mach einfach“ greift nicht mehr. Fragen stellen, bestehende Strukturen und Anweisungen hinterfragen, das tun inzwischen ganz normale Schulabgänger. Ein Betrieb sollte daher transparent machen, warum er Entscheidungen trifft. Es ist sicher gut, seine Mitarbeiter als Team zu begreifen und – wie auf dem Sportplatz – gemeinsam eine „Taktik“ zu entwickeln. Wer sich als Teil des Ganzen versteht, schätzt automatisch seinen Chef und seinen Betrieb.

Gibt es darüber hinaus konkrete Anreize, um junge Fachkräfte zu binden?

Osman: Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten – solche Dinge funktionieren im Handwerk meistens nicht. Ein wichtiges Thema ist hingegen Gestaltungsfreiheit. Das bedeutet, einfach mal bei seinen Mitarbeitern nachzufragen: „Wie würden Sie das machen?“ Diese Frage kann bei der Umsetzung von Projekten ebenso gestellt werden wie bei der Lösung konkreter Probleme, etwa bei einem Krankheitsfall in der Familie. Wenn Mitarbeiter das Gefühl von Freiräumen haben, fühlen sie sich wohl und bauen damit auch eine positive Bindung zum Arbeitgeber auf.

Kleinere Betriebe, kürzere Entscheidungswege. Sollten Gespräche mit dem Chef in solchen Fällen nicht schon längst Alltag sein?

Osman: Leider zeigen aktuelle Studien das Gegenteil. In den 90er-Jahren hat sich zunehmend ein neuer Führungsstil in den Betrieben etabliert. Führungskräfte arbeiten seitdem zunehmend rein operativ. Die Betriebe sind dadurch gewinnorientierter und weniger familiär geworden. Damit ist auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter gesunken. Also, warum sich nicht mal nach dem Abschluss eines Projektes zu einem Umtrunk zusammensetzen? Generell geht es um soziales Miteinander und gegenseitiges Verständnis, das es in den Betrieben zu stärken gilt.

Wie sieht es denn mit dem Thema Gehalt aus? Das ist doch sicher auch ein entscheidender Punkt, damit der Azubi nach der Ausbildung in seinem Betrieb bleibt ...

Osman: Gerade jungen Menschen sind ein gutes Betriebsklima und Zukunftsperspektiven wichtiger als das Gehaltsthema. Klar sollte allerdings für ein Unternehmen sein, dass es seine Mitarbeiter menschenwürdig entlohnt. Außerdem legen gerade 16- bis 22-Jährige viel Wert auf Sicherheit. Sie wollen mit einem festen Arbeitgeber einen Grundstein für ihre Zukunft legen. Befristete Verträge sind als Lockmittel daher ungeeignet. Wer hingegen seinen jungen Fachkräften vermitteln kann, dass sie im Betrieb auch in den nächsten zehn Jahren fachlich viel dazulernen können und sich mit ihrer Persönlichkeit als Teil des Teams einbringen können, wird sicher punkten.

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