Als Wissenschaftlerin ins Handwerk

Katharina Koch ist sicherlich eine Ausnahmeerscheinung: Die Politikwissenschaftlerin absolvierte nach dem Studium eine Fleischerausbildung, um den Familienbetrieb zu übernehmen. Warum es sich für Handwerksbetriebe lohnt, auch ältere Azubis ins Auge zu fassen.

Vom Hörsaal in die Fleischerei

Fachwerk statt hochmodernes Bürogebäude: Die Landfleischerei Koch ist Katharina Kochs Wunscharbeitsstätte.

Fachwerk statt Bürogebäude: Die Landfleischerei Koch ist die Wunscharbeitsstätte der 31-Jährigen.

New York, Paris, Berlin – Katharina Koch lag die ganze Welt zu Füßen. Sie studierte Politik und Publizistik in Berlin und Paris, absolvierte Praktika bei den Vereinten Nationen und im Bundestag und machte ihren Masterabschluss. Heute arbeitet sie jedoch nicht bei einer internationalen Organisation und nicht bei einem Konzern. Zum 1. Januar 2018 übernimmt sie den Staffelstab von ihrem Vater und führt die Landfleischerei Koch in Calden. Der 15 Mitarbeiter zählende Betrieb im Landkreis Kassel ist damit in der fünften Generation in Familienhand. „Diese Tradition unbedingt fortzuführen, war aber nicht allein ausschlaggebend für meine Entscheidung“, erklärt die 31-Jährige, die bereits seit vier Jahren den Betrieb gemeinsam mit ihrem Vater leitet. Und das erfolgreich: Im vergangenen Jahr wählte die Zeitschrift „Handwerk Magazin“ sie zur „Unternehmerfrau im Handwerk 2017“. War das Studium in der weiten Welt also für die Katz? „Nein“, sagt Koch. „Als junger Mensch will man weg, aber jetzt bin ich sehr gerne wieder in meiner alten Heimat. Und eine gewisse Grundbildung, in welchem Thema auch immer, schadet nicht!“

Es gab kein wirkliches Aha-Erlebnis.

Entscheidung reifte stetig

Wie kam es bei ihr zu dem Entschluss, Laptop und Kostüm gegen Schlachtermesser und Metzgerkittel zu tauschen? „Es gab kein wirkliches Aha-Erlebnis“, sagt sie. Vielmehr sei es eine Entscheidung gewesen, die langsam, aber stetig reifte. Schon als Jugendliche half sie im elterlichen Betrieb aus, die Materie ist ihr von Kindesbeinen an vertraut. Auch der Betrieb war schon immer sehr modern: Der zukunftsorientierte Vater hatte Anfang der 90er-Jahre bereits eine Website und wenige Jahre später einen Online-Shop. Als sich dann herauskristallisierte, dass ihre beiden älteren Brüder den Familienbetrieb nicht übernehmen wollten, war ihr Entschluss gefasst.

Katharina Koch übernimmt nach ihrem Studium die Metzgerei ihres Vaters.

Schon seit vier Jahren leitet Katharina Koch mit ihrem Vater dessen Betrieb.

Fleischerfachschule und Intensivkurs

Im Betrieb wollte sie von Anfang an alles richtig machen, dazu gehörte auch die entsprechende Ausbildung zur Fleischerin. Klar, dass sie nicht mit den jungen Azubis zweimal die Woche die Berufsschulbank drücken wollte. Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) und die Handwerksordnung (HwO) bieten die Option, Studienleistungen als zurückgelegte Ausbildungszeit anzurechnen und die Ausbildungsdauer aufgrund der Vorbildung zu verkürzen. Katharina Koch absolvierte an der Fleischerfachschule in Frankfurt einen dreimonatigen Intensivkurs zur Verkaufsleiterin im Nahrungsmittelhandwerk. „Diese Ausbildung ist mit dem Meisterbrief gleichgestellt“, erklärt sie. Zur Website und dem Online-Shop kamen unter ihrer Leitung die sozialen Medien hinzu. „Mit Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen Medien spricht man ja nicht nur potenzielle Kunden, sondern auch künftige Mitarbeiter an und hat die Möglichkeit, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren“, sagt die studierte Publizistin.

Immer mehr Studienabbrecher erkennen die Chance

Zwar ist Katharina Koch als Hochschulabsolventin und durch die vorgesehene Übernahme des elterlichen Betriebs eher die Ausnahme, wenn es darum geht, vom Hörsaal ins Handwerk zu wechseln. Doch immer mehr Studienabbrecher erkennen die Chance, die eine praktische Ausbildung ihnen bietet. Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) haben bereits 43 Prozent der Aussteiger ein halbes Jahr nach Verlassen der Hochschule eine Berufsausbildung aufgenommen.

Das Handwerk bietet viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln.

Flache Hierarchien, Umgang auf Augenhöhe

„Das Handwerk bietet sehr viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln“, sagt Koch. Über den Brief gelangt man zum Betriebswirt des Handwerks. So kann man auch in großen Unternehmen leitende Positionen einnehmen. „Gerade in der Fleischbranche werden händeringend Leute gesucht. Das ist ein Job, der auch in Zukunft sicher ist“, betont die künftige Chefin, die bereits ihren eigenen Führungsstil pflegt: flache Hierarchien, Umgang auf Augenhöhe und mehr Flexibilität, etwa bei den Arbeitszeiten. „Das geht heute gar nicht anders, weil meine Verkäuferinnen morgens erst ihre Kinder in den Kindergarten bringen müssen“, sagt sie. „In dem hart umkämpften Markt muss man auf die Bedürfnisse der Fachkräfte eingehen und ihnen ein paar Vorteile anbieten.“

Gewusst, wie!

Durch den Fachkräftemangel gelangen Studienabbrecher zunehmend in den Fokus von Handwerksbetrieben. Fünf Tipps für ihre Gewinnung:

Welche Karrierechancen das Handwerk für Studienabbrecher bereithält und welche Vorteile Handwerksbetriebe haben, wenn sie Studienabbrecher ausbilden, erfahren Betriebe auf dieser Website.

In regional verwurzelten Handwerksbetrieben sind dies in der Regel stabile Teams, eine familiäre Atmosphäre, abwechslungsreiche Tätigkeiten sowie Weiterbildungsmöglichkeiten. Umfangreiche Informationen darüber bietet die Broschüre „Studienabbrecher gekonnt ins Boot holen“.

Auf Messen können Betriebe mit der interessanten Zielgruppe direkt Kontakt aufnehmen und ihr eine Ausbildung in ihrem Betrieb als Alternative zum Studium aufzeigen.

Betriebe präsentieren sich online als attraktiver Arbeitgeber. Dort sollten sie ihre Mitarbeiter zu Wort kommen lassen.

Die Projekte auf Initiative des BMBF schaffen regionale Unterstützungsstrukturen für die Ausbildung: Sie vernetzen Akteure und vorhandene regionale Strukturen und erleichtern Betrieben den Zugang zu passenden Angeboten. Hier gibt es weitere Infos.

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