„Flexibilität ist gefragt“

Der demografische Wandel bewirkt, dass Menschen länger als früher im Job bleiben: Experten und Versicherer fordern, das Renteneintrittsalter auf 69 Jahre anzuheben. Wie realistisch ist das gerade im Handwerk, wo Körperkraft gefordert ist? Ein Interview mit Dachdeckermeister Johannes Dittrich, 23, aus Dresden.

„Flexibilität ist gefragt“

 

Herr Dittrich, im gesamten Handwerk wird der demografische Wandel zum Problem, wie sieht es in der Dachdeckerbranche aus?
Dittrich: „Genau wie in allen anderen Branchen auch. Hinzu kommt, dass das Dachdeckerhandwerk körperlich besondere Herausforderungen stellt. Extreme Witterungsverhältnisse im Sommer bei über 30 Grad und im Winter bei –20 Grad gehören dazu genauso wie Regen, Schnee, Wind und der Transport von schwerem Material.“


Was bedeutet das für ältere Mitarbeiter?
Dittrich: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Kollegen nicht schon in jungen Jahren körperlich kaputt gemacht werden. Alle Möglichkeiten der Arbeitserleichterung sind zu prüfen, zu nutzen und auch weiterzuentwickeln.“


Brauchen wir dauerhaft die Rente mit 63?
Dittrich: „Wenn ein Dachdecker schon mit 60 berufsunfähig wird, nützt ihm die Rente mit 63 nichts. Und wenn dafür fitte Sachbearbeiter mit 63 in den Ruhestand gehen, ist auch niemandem geholfen. Wir müssen auf die Ausstattung der Berufsunfähigkeit schauen, damit kein Nachteil für den entsteht, der körperlich nicht mehr kann. Außerdem muss man prüfen, wo man ältere Mitarbeiter alternativ einsetzen kann.“


Welche anderen Lösungen sehen Sie?
Dittrich: „Flexibilität ist gefragt. Der Renteneintritt muss nicht statisch betrachtet werden. Vielleicht gibt es Kollegen, die Freude daran haben, noch drei Tage die Woche zu arbeiten, wenn sie nicht gerade im Akkord, sondern im Reparaturbereich arbeiten, bei dem mehr Qualifikation als Geschwindigkeit gefragt ist. Aufgaben wie Lagerlogistik und Baustellenvorbereitung gewinnen durch die Marktanforderungen an Bedeutung. Dies sind alles Themen, bei denen das Alter kein K.o.-Kriterium ist.“


Warum sollten Betriebsinhaber nicht nur jüngere Mitarbeiter schätzen, sondern auch ältere?
Dittrich: „Weil die älteren Kollegen einen Erfahrungsschatz mitbringen, den jugendliche Energie nicht immer aufwiegen kann. Viele der älteren Mitarbeiter sind mit unserem Unternehmen gewachsen und haben während der Baukrise auch wirtschaftlich schwierige Zeiten miterlebt. Fachliche Erfahrung, Kenntnis von Abläufen und Identifikation mit der Firma bilden die Seele unseres Familienbetriebs.“


Wie können Arbeitgeber sich auf den demografischen Wandel einstellen?
Dittrich: „Indem sie nicht nur vom lebenslangen Lernen reden, sondern die Schulung ihrer Mitarbeiter fest in die betriebliche Entwicklung integrieren. Alle Mitarbeiter, ganz gleich welchen Alters, sollten immer wieder zu aktuellen Produkten und zu neuen Normen geschult werden! Dazu gehört auch die Vermittlung von ergonomischem Arbeiten, etwa mit den richtigen Hebetechniken. Wenn in einer Kolonne mit einem jungen Vorarbeiter auch ein Altgeselle vertreten ist, der den jungen Vorarbeiter mit seinen Erfahrungen unterstützt, dann schafft man eine Win-win-Situation.“

Bildnachweis Header: © deepblue4you/Getty Images

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