Fleischeslust mal anders

Das Fleischerhandwerk verzeichnet massiven
Fachkräftemangel. Genau deshalb versuchte
Annette Kopf, Metzgerin aus Baden-Württemberg,
die Fleischeslust neu zu entfachenmit einer
äußerst ungewöhnlichen Stellenanzeige ...

Fleischeslust mal anders

 

Eine junge Frau posiert in einem winzigen Bikini, lächelnd trägt sie eine Keule Fleisch über der Schulter. Nein, bei diesem Foto handelt es sich nicht um das Motiv aus einem einschlägigen Männermagazin. Sondern um die Stellenanzeige, mit der Annette Kopf, 45, Metzgerin aus Baden-Württemberg, im Jahr 2016 auf einem großen Plakat an ihrer Ladentür um Fleischereifachverkäufer/innen warb. Daneben der Ausschreibungstext, in dem sie um neue Mitarbeiter bat, die „Freude, Begeisterung, Engagement“ mitbringen.

„Ich wollte einfach mal etwas Knackiges machen, etwas, das aneckt und auffällt“, erzählt Annette Kopf, die damals „bestimmt schon seit zweieinhalb Jahren“ vergeblich nach neuen Mitarbeitern für ihre Metzgerei im schwäbischen Städtchen Lauffen am Neckar suchte. Der Fachkräftemangel im Fleischerhandwerk fußt auf dem massiven Nachwuchsmangel für das Gewerbe. Verzeichnete der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) vor zehn Jahren noch 7.327 Auszubildende zum Fleischer in Deutschland, waren es 2017 nur noch 3.024 Azubis, damit also weniger als die Hälfte.

Kein Wunder, dass Stellenausschreibungen kreativ sein müssen. Die Metzgerei in Lauffen ist seit 1965 ein familiengeführtes Unternehmen, seit 2013 führt Annette Kopf ihr Geschäft mit ihrer Schwester Sabine. „Wir waren uns einig, dass die Stellenanzeige nicht sexistisch ist, sondern einfach nur witzig, schließlich arbeiten in unserem Betrieb nur Frauen. Deshalb haben wir uns auch die leicht bekleidete Frau getraut“, erinnert sich Kopf lachend.

Anzeige sorgte für Wirbel

Bei Facebook, wo die Metzgerin die Anzeige zusätzlich veröffentlichte, war die Community geteilter Meinung. Die Kommentare reichten von „Total daneben“ bis zu „Gebt bitte Bescheid, wenn im Bikini verkauft wird“. Die Anzeige sorgte auch medial für viel Wirbel, verrät Annette Kopf: „Bekannte Fernsehsender und überregionale Zeitungen haben über uns berichtet!“

Leider blieb es bei dem Medienrummel. Brauchbare Bewerbungen bekam Kopf nicht. Und die Entwicklung am Arbeitsmarkt hat sie schon heftig zu spüren bekommen, erzählt sie bekümmert: „Neben unserem Hauptgeschäft hatten wir noch eine Filiale in Lauffen, diese Filiale haben wir im August 2016 schließen müssen“ – der Grund war zu wenig Personal.

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Nach wie vor sucht Kopf Menschen, die am Verkauf der verschiedensten Fleischsorten, an der Zubereitung knuspriger gefüllter Braten und Spieße und noch viel mehr Lust hätten, Fleischeslust eben. Es muss auch niemand einen Bikini tragen.

Es geht (nicht nur) um die Wurst!

Das Bild zeigt Gero Jentzsch

© Deutscher Fleischer-Verband

Der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel ist im Handwerk stark ausgeprägt, das Fleischerhandwerk leidet besonders: Verzeichnete der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) 2007 noch 7.327 Auszubildende in Deutschland, waren es 2017 nur noch 3.024. Woran liegt das und wie kann man diese Entwicklung aufhalten? profil sprach mit Gero Jentzsch, Sprecher des Deutschen Fleischer-Verbandes (DFV).

Herr Jentzsch, warum hat es das Fleischerhandwerk so schwer?
Gero Jentzsch: „Viele Menschen haben von Kindesbeinen an ein gefestigtes Bild von dem Beruf des Fleischers. Auch hat diese Profession ein althergebrachtes Image, es gibt Handwerksberufe, die für jüngere Menschen moderner erscheinen; so entwickelt sich bei den jungen Leuten keine Neugier. Dabei sind die Berufe Fleischer und Fleischereifachverkäufer so vielfältig!“

Erläutern Sie bitte mal, warum!
Jentzsch: „Ein Fleischereifachverkäufer verkauft nicht nur Wurst, die Ausbildung ist vielfältig und anspruchsvoll. Hierzu gehört auch die Zubereitung von Speisen ähnlich einer Kochausbildung, zusätzlich erwirbt er umfassende Kenntnisse in der Ernährungslehre. Ähnlich sieht es beim Fleischer aus, der zudem auch noch kreativ arbeiten und eigene Lebensmittel herstellen kann; nicht wenige Fleischer kreieren ihre eigenen Wurstsorten und Grillartikel.“

Womit können Betriebe punkten, um doch an Personal zu gelangen?
Jentzsch: „Die Betriebe müssen proaktiv mit potentiellem Nachwuchs kommunizieren, und zwar auf diesen Wegen: Zum einen muss der Betrieb eine gute Website haben, die man einfach per Google-Suche finden und deren Inhalte man sich auch über ein Smartphone ansehen kann. Auf dieser Website muss der Betrieb sich und seine Auszubildenden, die schon bei ihm arbeiten, vorstellen und klar und deutlich kommunizieren, dass er Nachwuchs sucht. Zum anderen muss er dahin gehen, wo die jungen Leute sind, und das sind die sozialen Medien, hier empfehle ich vor allem Instagram. Auch in der realen Welt muss er aktiv werben mit Flyern, Plakaten und Anzeigen. Auf unserer Website haben wir einen Log-in-Bereich für Betriebe, in dem sie sich Anregungen für eigene Kampagnen holen können.“

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Bildnachweis Header: © Metzgerei Kopf


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