Weitermachen trotz Pleite

Ein Firmenbankrott ist ein schwerer Schicksalsschlag. Doch wer einen kühlen Kopf bewahrt und Ursachenforschung
betreibt, hat die besten Chancen, noch einmal neu durchzustarten. 

Pleite? Es geht trotzdem weiter!

Für Betriebsinhaber, die Insolvenz anmelden müssen, bricht meist eine Welt
zusammen. Sie fühlen sich häufig als Versager. Woher sollen Betroffene die
Motivation nehmen, einen Neustart zu wagen? Der Wirtschaftspsychologe
Professor Heinrich Wottawa erklärt, wie ein Weg aus dem Tief möglich ist.

 

Nach dem Scheitern bleiben Versagens- und Existenzängste meist nicht aus. Wie gehe ich am besten damit um?

Professor Heinrich Wottawa: In jedem Fall sollten die negativen Emotionen nicht verdrängt werden. Es ist absolut normal und gesund, dass man nach dem Scheitern verzweifelt ist. Wichtig ist allerdings, sich klarzumachen, dass es nicht wirklich um die Bedrohung der nackten Existenz geht. Es geht vielmehr um die Beeinträchtigung des erreichten Wohlstands oder des sozialen Ansehens. Auch kann der Verlust von Selbstbestimmung tief treffen. Aber es gibt viele Menschen in normalen Beschäftigungsverhältnissen, die damit glücklich sind.

 

Liegt darin vielleicht schon der Schlüssel, um sich nach der Insolvenz neue Ziele zu stecken?

Prof. Wottawa: Auf Dauer ist Panik ein schlechter Ratgeber. Daher ist es sinnvoll, nach dem Schock wieder ins Tun zu kommen und auf sachlicher Ebene Ursachenforschung zu betreiben. Dabei lautet die zentrale Frage: Woran lag es wirklich, dass der Betrieb nicht florierte? Bei Gründern erlebt man häufig, dass sie zwar über ein gutes Fachwissen verfügen, aber so gut wie keine Kenntnisse in Wirtschaft, Steuern, Personalauswahl oder Personalführung besitzen. All diese Dinge sollten unbedingt mit Freunden, Mitarbeitern oder Familienmitgliedern offen diskutiert werden.

 

Und was kommt nach diesem Schritt?

Prof. Wottawa: Ich sollte mir die Frage stellen, was das „Neue“ sein könnte. Ist ein normales Beschäftigungsverhältnis wirklich so schlecht? Wenn ja, warum? Und wenn es die Selbstständigkeit sein muss, sollte ich unbedingt abklopfen, ob es auch wirklich der eigene Wunsch ist oder ob er nur von anderen übernommen wurde. Ein Blick in die eigene Kindheit, eine Auseinandersetzung mit der Familie oder mit der sozialen Umgebung ist dabei oft hilfreich und spannend.

 

Wenn sich danach zeigt, dass es wieder die Selbstständigkeit sein soll: Wie gehe ich diese am besten an?

Prof. Wottawa: Ich muss genau wissen, was diesmal besser laufen soll. Dabei steht eine professionelle Kalkulation von Chancen und Risiken im Vordergrund. Es geht aber auch darum, die Personen im Blick zu haben, für die man als Arbeitgeber erneut Verantwortung übernimmt. Zudem sollte man sich unbedingt von den negativen Gefühlen des „Gescheitert-Seins“ befreien. Denn Scheitern tut weh, beinhaltet aber auch immer wertvolle Erfahrungen und eine enorme Chance für die eigene Persönlichkeitsentwicklung.

Wie gehe ich vor, wenn eine Insolvenz droht?

Diplom-Volkswirt Frieder Wendnagel, Betriebswirtschaftlicher Berater
der Handwerkskammer Ulm, erklärt in fünf Schritten,
was in dieser Situation zu tun ist.

Es gilt, die ersten Alarmsignale zu erkennen und richtig zu deuten. Eine
Gefahr droht für den Betrieb, wenn immer häufiger Rechnungen nicht
fristgerecht bezahlt werden können. Professionelle Unterstützung finden
Handwerksbetriebe in dieser Phase zum Beispiel bei den
Betriebsberatern der Handwerkskammern.

Mit dem Experten gilt es zu klären, wo die Ursachen für die finanzielle
Schieflage und für die fehlende Liquidität liegen. Wie ist die aktuelle
Auftragslage? Können die Löhne noch bezahlt werden? Werden noch Gewinne oder bereits Verluste erzielt? Solche Fragen müssen geklärt werden, um
möglicherweise mithilfe der Hausbank den Betrieb wieder in besseres
Fahrwasser zu bringen.

Je kritischer jedoch die finanzielle Lage, desto eher ist davon auszugehen, dass eine Insolvenz nicht mehr abzuwenden ist. In diesem Fall muss ein Insolvenz-
antrag beim Amtsgericht gestellt werden.

Mit dem Insolvenzverfahren gehen alle Verantwortlichkeiten an den Insolvenzverwalter über. Es macht Sinn, rechtlichen Beistand durch einen Fachanwalt für Insolvenz- oder Wirtschaftsrecht hinzuzuziehen.

Nach Beendigung des Insolvenzverfahrens zeigt sich häufig, dass ein Betrieb ohne die insolvenzverursachenden hohen Verbindlichkeiten weiterbestehen könnte. Es gibt die Möglichkeit, dass ein ehemaliger Mitarbeiter den Betrieb übernimmt und ohne Altlasten weiterführt. In der Regel begleiten die Handwerkskammern den ehemaligen Betriebsinhaber durch all diese Phasen und
unterstützen ihn bei neuen beruflichen Zielen.

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