Von der Bank aufs Dach

Nicht immer ist der erste Beruf gleich der richtige. Manchmal muss ein Wechsel her, um glücklich im Job zu sein. Inga Hebborn traute sich und hörte auf ihr Bauchgefühl.

Vom Bankschalter aufs Dach

Nicht immer ist der erste Beruf gleich der richtige. Manchmal muss ein Wechsel her, um glücklich im Job zu sein. Inga Hebborn traute sich und hörte auf ihr
Bauchgefühl. Die gelernte Bankkauffrau kündigte und begann eine Ausbildung zur Schornsteinfegerin – im Betrieb ihres Mannes.

 

Gleich am ersten Tag ihrer Ausbildung schickte ihr neuer Chef sie aufs höchste Dach in seinem Bezirk. In 19 Metern Höhe sollte Inga Hebborn den Schornstein fegen. „Am Anfang war das kein Problem, aber dann fuhren unten Polizei und Feuerwehr über die große Kreuzung, und da musste ich mich erst einmal hinsetzen“, erinnert sich die 40-Jährige lachend.

Die Arbeit hat mir
Spaß gemacht.

Der Job passte nicht mehr zum Leben
„Schocktherapie“ nennt sie diesen Einsatz im Sommer 2014 heute. Mit nichts vergleichbar, was sie in ihrer beruflichen Laufbahn bis dahin erlebt hatte. Denn die gebürtige Schleidenerin ist eigentlich gelernte Bankkauffrau, stieg nach dem Abschluss ihrer Ausbildung 1999 innerhalb von drei Jahren zur Vertriebsbeauftragten im Kreditbereich auf. „Die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht, ich war gut darin“, sagt sie über ihren Job, der dann jedoch nicht mehr zu ihrem Leben passen wollte.

Zweite Ausbildung mit 37
Mit 37 Jahren entschied sie sich für einen Neuanfang, einen Berufswechsel, die Ausbildung zur Schornsteinfegerin. Ihr Chef: ihr Mann Sascha, seit 2002 Meister, seit 2013 selbstständig, seit 2017 Bezirksschornsteinfeger in Much. Diese außergewöhnliche Konstellation brachte beiden zwar viele Vorteile, sollte sich allerdings auch als nicht immer einfach erweisen.

 

Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Gerne wäre die Angestellte nach der Geburt ihres Sohnes 2004 und dreieinhalb Jahren Elternzeit an ihren Arbeitsplatz in Köln zurückgekehrt – in Teilzeit. „Man bot mir an, drei volle Tage zu arbeiten“, erzählt Inga Hebborn, die in Much wohnt. Der Ort im Rhein-Sieg-Kreis liegt etwa eine Stunde Autofahrt von der Domstadt entfernt, allerdings nur an staufreien Tagen, die es fast nie gibt. „Ich hätte meinem Sohn weder guten Morgen noch gute Nacht sagen können“, erklärt sie den Grund, warum sie kündigte. „Ich habe mir jahrelang keinen Hund angeschafft, weil ich nie da war. Da werde ich bestimmt nicht mit einem Kind so weitermachen.“

 

An handwerklichen Beruf nie gedacht
Nachdem sie dann einen Teilzeitjob in einem Raiffeisenmarkt angenommen hatte, gab es viele Gedankenspiele. „Zum Beispiel kam ein Fernstudium infrage“, blickt Inga Hebborn zurück. „Über einen handwerklichen Beruf habe ich bis dahin definitiv nie nachgedacht.“ Als ihr Mann sich 2013 schließlich selbstständig machte, übernahm sie erste Büroarbeiten und „was alles so anfiel“. In vielen Gesprächen mit ihm habe sich nach und nach die Idee entwickelt, eine Schornsteinfeger-Ausbildung zu beginnen. Einer der Gründe: „Wenn meinem Mann mal etwas passieren sollte, könnte ich die ganze Familie durchbringen. Schornsteinfeger ist einer der am besten bezahlten Jobs im Handwerk“, sagt Inga Hebborn.

 

Bis zum Ende gab es Zweifel
Eine der ersten Reaktionen, die Inga Hebborn danach aus dem Freundeskreis hörte, war: „Bist du bescheuert?“ Ihre Mutter habe Angst um sie gehabt, weil sie auf Dächer steigen musste. Als nach einigen Monaten klar war, dass sie „das durchziehe“, sei sie aber von allen Seiten motiviert worden. So etwas sei bei einem Schritt wie dem ihren wichtig. Trotzdem habe sie selbst bis zum Ende immer wieder Zweifel gehabt: „Schaffe ich das? Ist das machbar mit Familie?“

 

Bizarr: sehr junge Mitschüler
Weniger Verdienst in der Ausbildungszeit, weniger Freizeit und eine Berufsschulklasse, in der „die Hälfte der Schüler meine Kinder hätten sein können“, waren das eine. Körperliche Herausforderungen, wie den 15 Kilogramm schweren Werkzeugkoffer von Haus zu Haus zu schleppen, das andere. „Aber ich hatte ja quasi eine Luxusausbildung“, sagt Inga Hebborn schmunzelnd. Sie habe mit ihrem Mann für alles immer eine Lösung gefunden. Wegen der Schulterschmerzen bekam sie einen Messrucksack. Aber es habe auch mal „geknallt“, weil ihr Mann viel Wissen vorausgesetzt habe. „Dinge, die ich nicht wissen konnte.“ Danach habe er ihr „alles genauso erklärt wie einem normalen Azubi“.

Ich würde nie zurückwollen!

Kein Tag wie der andere
Mit Erfolg. Im Januar 2017 hat Inga Hebborn ihre zweieinhalbjährige Schornsteinfeger-Ausbildung abgeschlossen. Sie findet den Beruf „super abwechslungsreich“. Kein Kunde, kein Haus, kein Tag seien wie der andere. Aus ihrer vorherigen Berufserfahrung habe sie viel Wissen über guten Umgang mit Kunden und Büroarbeit mit einbringen können. „Und Mathe – leider hatte ich keine Ahnung von Chemie“, gesteht sie. In ihren alten Beruf würde sie „nicht mehr zurückwollen“. Heute hält sie ihrem Mann „im Büro den Rücken frei“. Außer im Winter gehe sie auch „mit raus“. „Wenn es draußen fies ist, versuche ich, im Büro zu bleiben“, gesteht sie. Das sei das Einzige, was ihr fehle: „Im Winter dauerhaft in einem warmen Raum zu sein.“

 

 

Was bei einem Berufswechsel zu beachten ist

Bei allen Fragen zu einem Berufswechsel beziehungsweise einer Umschulung hilft die Agentur für Arbeit. Persönliche Beratung bieten die Agenturen vor Ort, auch wenn es nicht um einen kompletten Berufswechsel geht, sondern um eine Weiterbildung mit dem Ziel, das berufliche Tätigkeitsfeld zu erweitern oder aufzusteigen.

Ratsuchende können kostenlos über die Servicenummer 0800 4555500 Kontakt zur Bundesagentur für Arbeit aufnehmen.

Zur Orientierung bietet die Bundesagentur auch online erste Unterstützung. Hier können zum Beispiel in einzelnen Schritten die Ziele eines Berufswechsels definiert werden. Es gibt Informationen über Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und Wege zu einem neuen Beruf (Quereinstieg, Umschulung, Externenprüfung) sowie Rahmenbedingungen wie Kosten und Fördermöglichkeiten.

Das Thema Sozialversicherung/Krankenversicherung ist komplex und lässt sich nicht pauschal beantworten. Erhält jemand Arbeitslosengeld I, übernimmt die Arbeitsagentur die Beiträge zur Krankenversicherung. Beginnt jemand eine normale Ausbildung in einem Betrieb, läuft sie über den neuen Arbeitgeber. Wiedereinsteiger, die nach der Familienphase eine Weiterbildung beginnen und ansonsten keine Leistungen von der Agentur für Arbeit erhalten, sind in der Regel familienversichert. In Zweifelsfällen berät Sie die IKK classic.

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