Mit neuer Kraft zurück

Vor allem Selbstständige sind gefährdet, sich zu überfordern und zu überlasten.
Erste Warnsignale sollten sie unbedingt
ernst nehmen. Die Geschichte eines
Handwerkers macht Mut.

Mit neuer Kraft zurück

Vor allem Selbstständige sind gefährdet, sich zu überfordern. Jan Kempf war mit 29 Jahren am Ende. Er erzählt von seinem Weg zurück ins Berufsleben.

 

Jan Kempf ist ein großer, sportlicher Mann. Früher hat der gelernte Fliesenleger Fußball gespielt, war im Kampfsport aktiv. Heute macht er Yoga und geht gerne joggen. Und auch sonst hat er sein Leben umgekrempelt, vor allem seinen Ehrgeiz heruntergeschraubt. Er achtet auf ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und eine ausgewogene Work-Life-Balance. Denn der erfolgreiche Handwerker hat schon in jungen Jahren das durchgemacht, was andere meist erst in den Vierzigern ereilt: das Burn-out-Syndrom. Darunter wird ein Zustand totaler körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung sowie verringerter Leistungsfähigkeit gefasst. Jeder zweite Betroffene leidet zusätzlich unter einer Depression.

Burn-out ist im
Handwerk noch
ein Tabu-Thema.

Mut zur Offenheit
Jan Kempf ist auch ein mutiger Mann. Er scheut sich nicht, seine Leidensgeschichte zu erzählen, denn er weiß: „Burn-out ist im Handwerk noch ein Tabu-Thema.“ Ausbrennen und Depressionen? Das passiert nur Weicheiern! So denken viele. Jan Kempf will helfen, das Bewusstsein für die Gefahren zu schärfen, und Betroffenen handfeste Hilfe bieten.

Der Erfolg kam schnell
Seine Geschichte zeigt den typischen Verlauf eines Burn-outs: Als junger Mann, mit gerade einmal 22, machte sich der gelernte Fliesenleger im mittelfränkischen Dietersheim selbstständig. Er war ehrgeizig, lieferte gute Arbeit. Das Geschäft florierte. Wenige Jahre später beschäftigte er 20 Mitarbeiter und übernahm einen Fliesengroßhandel in der Umgebung. Er lernte seine Frau Sabine kennen, sie heirateten. „Mein Tag sah so aus, dass ich frühmorgens um fünf Uhr in die Firma ging und die Büroarbeit erledigte, bevor ich mit meinen Mitarbeitern zu den Kunden fuhr“, erzählt Kempf. Abends besucht er Kunden oder schrieb Angebote. „Arbeitstage von bis zu 20 Stunden waren normal“, sagt Kempf.


Die Freude schwand langsam
Seine Frau zeigte Verständnis für das enorme Pensum, schließlich ging es ja darum, eine gemeinsame Existenz aufzubauen. Die Warnungen seiner Freunde, mal etwas kürzerzutreten und seine Akkus aufzuladen, nahm er nicht ernst. Doch die Freude am Leben kam ihm langsam, aber sicher abhanden: „Ich hatte keine Kraft mehr für die schönen Dinge des Lebens. Selbst mein Sport wurde mir zu viel“, erinnert er sich.
 

Körperliche Beschwerden folgten
Nach sieben Jahren Selbstständigkeit – und sieben Jahren Raubbau an sich selbst – schickte sein Körper ihm die ersten Warnzeichen, die er damals nicht deuten konnte. Anfangs war er immer müde. Dann kamen Schlafstörungen, Allergien und so starke Kopfschmerzen hinzu, dass er mit Verdacht auf einen Hirntumor in die Uniklinik eingeliefert wurde. Ein anderes Mal, als der Notarzt kommen musste, war es ein Verdacht auf einen Herzinfarkt. Und das mit Ende 20! „Mir ging es richtig schlecht, und mir wurde klar, dass da etwas grundlegend schiefläuft“, sagt Kempf.

Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.

Körperlich fit, mental am Boden
Doch die Ärzte fanden nichts, körperlich war der Handwerker topfit. So riet sein Hausarzt ihm zur Ruhe. Ausgerechnet, als er sich die ärztlich verordnete Ruhe gönnte, brach er zusammen. „Ich lag wochenlang auf dem Sofa, hatte Ängste und konnte nicht mehr aufhören zu weinen“, erinnert er sich an die grauenvolle Zeit. Schließlich googelte er seine Symptome und kam darauf, dass es Burn-out sein könnte. Sein Hausarzt überwies ihn im November 2015 in eine Depressionsklinik. Zehn Wochen lang kämpfte sich der Jungunternehmer mit psychologischer Unterstützung zurück ins Leben.

Zu Hause wartete ein Loch
Wieder zu Hause, ging es ihm erst richtig schlecht, denn dort gab es keine Rundumbetreuung mehr. Kempf engagierte einen Life-Coach auf eigene Kosten, der ihm noch immer regelmäßig zur Seite steht. „Diese Arbeit finde ich so wichtig, dass ich mich selbst als Life-Coach ausbilden lasse“, sagt er. Mit seinem Coach hat er schon einen Vortrag entwickelt, den er regelmäßig vor Handwerkern hält. „Ich möchte auf das Thema aufmerksam machen, jetzt, da ich noch so nah dran bin. Die Message lautet: Schaut, ich bin aus der Burn-out-Falle rausgekommen. Das schafft ihr auch!“
 

Schritt für Schritt
Die Heilung ist ein langwieriger Prozess, minutenweise kämpfte er sich in den Arbeitsalltag zurück. „Noch heute schaffe ich keine acht Stunden“, sagt er. Im Betrieb halten ihm sein Meister und seine Mitarbeiter den Rücken frei. Abendtermine nimmt er fast keine mehr wahr, und seine neue Handynummer kennt nur noch sein engstes Umfeld. Kempf geht offen mit seiner Erkrankung um, wenn es ihm einmal nicht so gut geht, kommuniziert er dies. „Ohne die Unterstützung meiner Frau, meiner Familie und meiner Mitarbeiter hätte ich es nicht geschafft“, sagt er. Davon ist er überzeugt.


Positives geht Hand in Hand
Mittlerweile sei er dankbar, dass es ihn in so jungen Jahren traf, sagt Kempf: „Ich war körperlich so fit, so dass nichts Schlimmeres daraus wurde. Aber hätte ich so weitergemacht, wäre ich über kurz oder lang nicht mehr da gewesen“, sagt er. Das Kuriose: „Ich habe heute so viel Freizeit wie noch nie. Mir geht es so gut wie noch nie. Und ich habe so viel Arbeit wie noch nie“, freut er sich über die Erkenntnis, dass Gesundheit und beruflicher Erfolg Hand in Hand gehen und keine Notwendigkeit besteht, bis zum Umfallen zu arbeiten.

Info-Tipp

Weitere Informationen zum beruflichen Wiedereingliederungsmanagement finden Sie hier.

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