Fachkräfte gewinnen und sichern

Ohne die richtigen Mitarbeiter funktioniert Wachstum im Betrieb nicht. Ein Experte erklärt im Interview, wie Sie gute Fachkräfte gewinnen und vor allem auch langfristig halten.

„Netzwerken mit künftigen Fachkräften“

Das Handwerk hat in Deutschland sprichwörtlich goldenen Boden. Nach dem Konjunkturbericht vom ersten Quartal 2017 des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) erwarten die Betriebsinhaber bundesweit weiterhin gute Geschäfte. Grund für den hohen Auftragsbestand ist die anhaltend gute binnenwirtschaftliche Konjunkturentwicklung und vor allem die starke Baukonjunktur zum Jahresbeginn 2017. Allerdings bereitet der zunehmende Fachkräftemangel vor allem den kleinen Betrieben zunehmend Sorgen. Viele Handwerksbetriebe arbeiten schon jetzt an ihrer Kapazitätsgrenze und kommen mit dem Beschäftigungsaufbau kaum hinterher.

Christian Likos leitet die Hauptabteilung Wirtschaft und Recht bei der Handwerkskammer (HWK) zu Leipzig. Im Interview gibt er Tipps, wie Handwerksbetriebe Fachkräfte gewinnen, fit für das Wachstum machen und schließlich auch auf Dauer halten können.

Heute ist die Nachfrage höher als das Angebot an Fachkräften.

Wie können Handwerksbetriebe angesichts der guten Konjunkturlage für weiteres Wachstum vorsorgen und geeignete Fachkräfte gewinnen?

Fachkräfte finden ist eine der großen Herausforderungen und das wird für Handwerksbetriebe immer schwieriger. Früher hatten wir noch einen Arbeitgebermarkt, das heißt, Bewerber spazierten förmlich zur Tür hinein. Das hat sich geändert, heute ist die Nachfrage höher als das Angebot an Arbeitskräften. Wir sprechen heute von einem Arbeitnehmermarkt, bei dem diese sich den Wunscharbeitgeber aussuchen können. Für Handwerksbetriebe bedeutet das, dass sie zur Tür hinausgehen und sich aktiv auf die Suche nach geeigneten Mitarbeitern machen müssen.

Wo werden sie fündig?

Viele Betriebe rekrutieren ihre Fachkräfte inzwischen über Empfehlungen ihrer zufriedenen Mitarbeiter. Ich kann nur jedem raten, frühzeitig zu beginnen und sich einem der zahlreichen Netzwerke anzuschließen, wie etwa dem Arbeitskreis Schule und Wirtschaft, den es in vielen Regionen gibt. Dort kommen künftige Arbeitgeber mit jungen Menschen in Kontakt, die sie als Praktikanten und später als Azubis gewinnen können. Viele Kammern wie wir hier in Leipzig bieten auch eine spezielle Fachkräftebörse.

Die einfachste Technik ist es, den Mitarbeitern klar die Ziele zu kommunizieren, die erreicht werden sollen.

Welche Rolle spielen heutzutage soziale Netzwerke und inwieweit nutzen Handwerksbetriebe bereits diese Möglichkeit des Rekrutierens?

Die Handwerksbetriebe erkennen zunehmend, dass es erforderlich ist, dort präsent zu sein, wo ihre künftigen Fachkräfte sind. Hier haben viele noch Berührungsängste, aber diejenigen, die es wagen, sind überrascht, welche Möglichkeiten sie dadurch erhalten – auch über das Rekrutieren hinaus!

 

Wie gehen Betriebe am besten vor, um die angestammten Mitarbeiter fit für das Wachstum und fit für mögliche Führungsaufgaben zu machen?

Die einfachste Technik ist es, den Mitarbeitern klar die Ziele zu kommunizieren, die erreicht werden sollen, und diese dann mit den vorhandenen Fähigkeiten und Stärken der Mitarbeiter abzugleichen. Klafft eine Lücke zwischen Soll und Ist, so muss ich als Chef dafür sorgen, dass meine Mitarbeiter für die entsprechenden Aufgaben befähigt werden.

Fördern und Weiterqualifizieren ist ein weiteres Mittel, um Fachkräfte zu binden.

Welche Unterstützung können die Betriebe dabei in Anspruch nehmen?

Sie können sich zunächst an ihre Handwerkskammern wenden. Unsere vornehmlichste Aufgabe ist nämlich die Sicherung des staatlichen Bildungsauftrages, demzufolge der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Wirtschafts- und Handwerkskammern in Deutschland bieten in eigenen Bildungsakademien eine ganze Palette an Aus-, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen an, die für alle Gewerke maßgeschneidert sind. Wenn Betriebe speziellen Qualifikationsbedarf für ihre Mitarbeiter haben, erarbeiten wir mit ihnen ein abgestimmtes Mitarbeiterschulungsprogramm. Von staatlicher Seite gibt es Unterstützung durch zahlreiche Programme, wie etwa das Programm „Jobstarter plus“ des Bundesbildungsministeriums, auch hier beraten die Handwerkskammern.

 

Geeignete Fachkräfte finden ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite: Wie sollten Handwerksbetriebe vorgehen, sie auch auf Dauer zu binden?

Die Basis ist erst einmal ein respektvoller und wertschätzender Umgang. Fördern und Weiterqualifizieren ist ein weiteres Mittel. Was das Finanzielle betrifft, können vor allem kleine Handwerksbetriebe mit den Großen der Branche nicht immer mitziehen; also über einen höheren Lohn ist die Mitarbeiterbindung nicht zu erreichen. Aber sie können ganz andere Trümpfe ausspielen: Regionalität, Kundennähe, flache Hierarchien, schnelle Karrieren, Nachhaltigkeit und ein gutes Betriebsklima. Viele Unternehmen sind aktiv in Vereinen und in der Gesellschaft verankert. Fachkräften mit Familie oder in Familienplanung bieten sie ein nicht zu unterschätzendes Umfeld, in dem sich Arbeit und Familie ideal miteinander in Einklang bringen lassen, also eine optimale Work-Life-Balance, die vielen Beschäftigten immer wichtiger wird.

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