Hand in Hand

Warum etwas allein stemmen, das zu zweit viel einfacher ist? Bilden zwei Schornsteinfegermeister gemeinsam einen Azubi im Netzwerk aus, profitieren davon alle Beteiligten. Ein vorbildliches Beispiel aus Hessen.

Geteilter Azubi – doppelter Lerneffekt

Tom Hermann liebt seinen Beruf – in all seinen Facetten. Davon lernte der 20 Jahre alte Thüringer schon während seiner Ausbildung zum Schornsteinfeger-Gesellen jede Menge kennen. Denn Hermann genoss eine besondere Lehrzeit: Statt, wie im Handwerk üblich, in einen Meisterbetrieb hineinzuwachsen, erweiterte er seine Kenntnisse bei zwei Chefs. Der Kehrbezirk des einen war ein ländliches Gebiet, der andere hatte ein städtisches; das hatte auch Auswirkungen auf die Ausbildungsinhalte. Während im Ländlichen mehr klassische Kehrarbeiten anfielen, musste Hermann im städtischen Bezirk besonders viele Heizungswerte messen. Eine ideale Kombination, um einem Azubi die maximale Vielfalt zu bieten, weiß Uwe Nenzel, Schornsteinfegermeister aus dem hessischen Schwarzbach: unterschiedliche Heizsysteme sowie Säuberungs- und Messmechanismen, verschieden große Gebäude, unterschiedliches Kundenklientel.

Ausbildungskooperation Schornsteinfeger

Gute Erfahrungen im Verbund

Schon drei Mal hat Nenzel einen Lehrling im Netzwerkverbund ausgebildet – auf eigenen Wunsch und unter eigenem Einsatz. Zweimal kooperierte er mit dem entsprechenden „Go“ der Handwerkskammer mit einem Partnerbetrieb aus der Nachbarschaft, einmal – in Tom Hermanns Lehre – mit einem etwas weiter entfernten Kollegen, Tobias Giesick. War die Distanz zu den Ausbildungsbetrieben für den Azubi zu groß, besorgte Uwe Nenzel als Zusatzservice eine passende Unterkunft. Das zahlt sich aus: „Ein Verbundmodell hat viele Vorteile. Azubis können parallel in viele Schwerpunkte zweier Betriebe hineinschnuppern, der Ausbilder muss nicht sein komplettes Zeitmanagement der Lehre widmen.“ Gerade für Kleinstbetriebe sei das oft eine Herausforderung, der dank stetigen Austauschs und spontanen Reagierens nach Bedarf begegnet werden könne. „Viele sind daran interessiert, da es ohnehin immer schwieriger wird, Azubis zu finden und auszubilden“, sagt Nenzel.
Aktuell bildet Uwe Nenzel zwar allein einen Lehrling aus, da sein Netzwerkpartner zeitlich zu eingeschränkt für das Verbundmodell ist, aber bereits im kommenden Ausbildungsjahr ist wieder ein „geteilter Azubi“ in Sicht. „Dieses Mal plane ich den Lehrlingstausch gemeinsam mit einem ehemaligen Auszubildenden von mir, der inzwischen selbst Bezirksmeister ist“, sagt Nenzel, der das Verbundmodell gerne an die nächste Generation weitergeben möchte.

Verantwortung zu gleichen Teilen

Das Organisatorische bleibt überschaubar: „Der Azubi ist bei einem Betrieb gemeldet, der den Lehrvertrag unterschreibt und sämtlichen Schriftverkehr übernimmt. Die Verantwortung liegt aber bei beiden, sie teilen sich diese und die Betreuung des Azubis zu je 50 Prozent“, erklärt Schornsteinfegermeister Nenzel den sogenannten Azubiverbund. „Darüber hinaus bedient sich der eine beim anderen dessen, was er eben nicht hat.“ Zum Beispiel Zeit: „Wenn im einen Betrieb wegen Außenterminen oder Krankheit einmal niemand für den Lehrling da ist, kann er im anderen Betrieb arbeiten. Ansonsten müsste er sich freinehmen.“ Den Azubilohn entrichtet der laut Vertrag verantwortliche Betrieb, der diesen dem Netzwerkpartner einmal im Monat zur Hälfte in Rechnung stellt.

Netzwerken im Schornsteinfegergewerk

Aktuell bildet Schornsteinfegermeister Uwe Nenzel allein einen Lehrling aus, da sein Netzwerkpartner zeitlich zu eingeschränkt für das Verbundmodell ist. „Ich plane aber gemeinsam mit einem ehemaligen Auszubildenden von mir, der inzwischen selbst Bezirksmeister ist, einen Lehrlingsaustausch auf mündlicher Absprachebasis: Einer geht immer wieder mal beim anderen mit und schaut über den Tellerrand.“ Künftig setzt Nenzel weiterhin auf das Verbund-Modell.

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