Liebe am Arbeitsplatz

Wenn aus einem kollegialen Verhältnis eine Liebesbeziehung wird, ist das kein Grund zur Panik – solange die Betroffenen ein paar Regeln im Umgang einhalten: miteinander, mit den restlichen Kollegen und dem Vorgesetzten. Psychologin Lisa Zimmermann spricht über Liebe am Arbeitsplatz.

„Wer mit Emotionen dabei ist, hat mehr Lust auf gute Leistungen“

Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir am Arbeitsplatz – und damit viel Zeit mit Kollegen. Kein Wunder, dass diese manchmal mehr werden als nur Begleiter während der Arbeitszeit. Manchmal keimt zwischen Werkstatt und Teeküche Liebe auf. Wie sollten Chefs reagieren, wenn Mitarbeiter eine Beziehung beginnen? Was für Auswirkungen haben Gefühle auf die Leistung im Job? Psychologin Lisa Zimmermann erklärt im Interview, warum ein Betrieb sogar davon profitieren kann, wenn aus Kollegen Partner oder Freunde werden.


Sind Kollegen heutzutage eine Art Familienersatz?

Lisa Zimmermann: Bindungen sind in den vergangenen 20 Jahren kompliziert geworden. Es gibt nicht mehr nur die typische Familie (Mutter, Vater, Kind) nach Schema F. Scheidungen sind heute normal, das Internet hält zahlreiche Optionen für die Partnersuche bereit. Das Arbeitsumfeld bietet sich als feste Größe im Leben immer mehr als Familien- und auch Freundesersatz an. Dort sind die Beziehungen zudem oft unpersönlicher und sachorientierter – und somit leichter zu regeln.


Was haben persönliche Verbindungen am Arbeitsplatz für einen Einfluss auf die Arbeitsleistung?

Lisa Zimmermann: Da Menschen grundsätzlich beziehungsorientiert sind, ist die Auswirkung von persönlichen Verbindungen auf das Arbeitsumfeld meistens sehr positiv. Wer mit Emotionen dabei ist, hat mehr Lust auf gute Leistungen. Er zeigt bestenfalls ein größeres Engagement und eine höhere Leistungsbereitschaft. In seltenen Fällen kann eine persönliche Beziehung allerdings eine gegenteilige Wirkung haben. Wenn die Herausforderung fehlt und der Mitarbeiter sich zu sicher fühlt, gibt er gerne mal die Verantwortung ab oder er „lässt sich hängen“.

Kosenamen sind im Büro tabu.

Kann Liebe am Arbeitsplatz funktionieren?
Lisa Zimmermann: Aus meiner Sicht: ja! Beide Seiten, die Mitarbeiter und das Unternehmen, können sogar profitieren. Beziehungen, die ein gemeinsamer Aufgaben- beziehungsweise Interessenbereich verbindet, haben in unserer heutigen Zeit eine gute Chance, länger zu bestehen. Menschen verbringen sehr viel Zeit im Arbeitsumfeld. Somit haben Beziehungen zwischen Kollegen eine große gemeinsame Schnittmenge.

 

Wie sollte man sich als Paar im Job verhalten?
Lisa Zimmermann: Hier ist die goldene Mitte genau richtig. Wenn ein Paar seine Beziehung verheimlicht, ist das Umfeld irritiert. Denn meist spüren die Kollegen, dass die beiden sich merkwürdig verhalten. Beispielsweise achten sie extrem darauf, körperlich Abstand zueinander zu halten oder versuchen, gemeinsamen Pausen aus dem Weg zu gehen. Zu intim sollte sich ein Paar allerdings auch nicht während der Arbeitszeit verhalten. Zärtlichkeiten und Kosenamen sind im Büro tabu. Jeder sollte sich bewusst sein, dass eine Beziehung am Arbeitsplatz Konfliktpotenzial beinhaltet.

Sollte der Chef über die Beziehung informiert werden?
Lisa Zimmermann: Grundsätzlich ja. Lügen schaden der Beziehung und dem Unternehmen. Es geht viel Energie in die Geheimhaltung, die sowohl die Beziehung als auch die Arbeitsleistung belastet. Mitarbeiter und Chef sind gefordert, einen konstruktiven Umgang zu finden und sich darin gegenseitig zu unterstützen. Auf diese Weise profitieren beide Seiten von der Beziehung am Arbeitsplatz.

 

Wie sollte sich der Betriebsinhaber verhalten, wenn das Gerücht kursiert, dass zwei Mitarbeiter eine Affäre haben, und es deshalb bereits zu Problemen im Arbeitsalltag gekommen ist? Ansprechen oder abwarten?
Lisa Zimmermann: Ansprechen: ja – unbedingt! Nur wie? Fragen und Bitten sind hier die Lösung. Die Unternehmensleitung tut gut daran, auf die Beteiligten zuzugehen und diese direkt zu den Gerüchten zu befragen. Die Bitte um eine ehrliche und offene Stellungnahme ist in der Regel der beste Türöffner für ein konstruktives Gespräch – auch in konfliktbehafteten Situationen.

 

Es ist wichtig, dem Gegenüber mit der Bereitschaft für neue Erfahrungen gegenüberzutreten.

Was passiert bei einer Trennung?
Lisa Zimmermann: Trennungen sind bei privaten Beziehungen am Arbeitsplatz die größte Herausforderung. Am wichtigsten ist es, die Wut, die häufig aufgrund von Kränkungen und Enttäuschungen entsteht, nicht mit in die Arbeitswelt zu tragen. Wer mit einer Trennung zu kämpfen hat, kann vielleicht für eine gewisse Zeit nicht mehr die gewohnte Leistung erbringen. Falls das Ex-Paar seine Emotionen nicht im Griff hat und der Arbeitsalltag dadurch gestört wird, sollte der Chef rechtzeitig intervenieren und mit beiden Parteien ein Gespräch führen. Wer nicht weiterkommt, sollte sich professionelle Hilfe, wie einen psychologischen Berater, ins Haus holen.

Gerade bei Handwerksbetrieben ist es häufiger der Fall, dass tatsächlich Familienmitglieder miteinander arbeiten. Beispielsweise kümmert sich die Ehefrau des Betriebsinhabers um das Sekretariat oder der Sohn ist als künftiger Nachfolger in der Firma tätig. Was ist bei Familienunternehmen in der täglichen Zusammenarbeit zu beachten?
Lisa Zimmermann: Familiäre Beziehungen sind oft in einem geschlossenen System gefangen. Konkret heißt das, dass es aufgrund der langjährigen Erfahrungen miteinander eine festgelegte Sichtweise auf den anderen gibt. Arbeiten beispielsweise Vater und Sohn miteinander, kann es sein, dass beide Seiten die vorgefertigte Meinung in den Arbeitsalltag übernehmen. Das blockiert oft die konstruktive Zusammenarbeit, vor allem in kleineren Familienbetrieben. Deshalb ist es wichtig, dem bekannten Gegenüber mit einer großen Offenheit und Bereitschaft für neue Erfahrungen gegenüberzutreten. Gleichzeitig herrscht ein hoher Grad an Sicherheit und auch an Vertrauen, sodass die Zusammenarbeit letztlich eine gute Basis hat, wenn es Raum für Entwicklung und Veränderung gibt.

 

Vor allem Liebeleien zwischen unterschiedlichen Hierarchie-Stufen bieten Angriffsfläche dafür, dass sich andere Mitarbeiter ungerecht behandelt fühlen. Gibt es hierfür besondere Verhaltensregeln?
Lisa Zimmermann: Es gibt auf jeden Fall einige Regeln, die eine Zusammenarbeit für alle im Betrieb erleichtern:

Wichtig ist, dass die Beziehung offen in der Firma kommuniziert wird, damit der Raum für Spekulationen möglichst klein ist.

Gleichzeitig ist wichtig, dass beide Parteien sehr diskret mit der Beziehung umgehen und möglichst Klatsch, Tratsch und das Ausplaudern von Intimitäten unterlassen.

Bevorzugungen oder Vorteilsaneignungen sollten auf jeden Fall sehr bewusst unterlassen werden.

Hilfreich ist, wenn die außenstehenden Mitarbeiter in Gesprächen immer wieder Raum bekommen, ihre Ängste mitzuteilen. Befürchtungen aussprechen zu können und damit gehört zu werden, löst die Ängste meist im Handumdrehen auf.

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Ich & Du und die Firma

Buchcover "Ich & Du und die Firma"

Allen Paaren, die 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche zusammen sind, weil sie in der eigenen Firma arbeiten, außerdem eine Beziehung führen und zu Hause das Familienleben meistern, haben Helmut und Marianne Becker ihr Buch „Ich & Du und die Firma – Kleine Ermutigung für Unternehmerpaare“ gewidmet. Die besondere Situation, Berufs- und Privatleben zu teilen, birgt viele Chancen, aber auch besondere Herausforderungen. In humorvoller und ehrlicher Art, bebildert mit Illustrationen und Grafiken, führt das Buch den Leser durch die typischen Alltagssituationen von Unternehmerpaaren. Zahlreiche Empfehlungen und Tipps, damit es in Firma, Beziehung und Familie (noch) besser läuft, runden das Buch ab. Zentrale Themen sind die Kommunikation miteinander, die Aufgabenteilung in Berufs- und Privatleben, die Unterschiedlichkeit der Partner und die ständige Pflege der Beziehung. Ein Buch für alle, die als (Ehe-)Paar zusammen in ihrer Firma arbeiten.

Helmut und Marianne Becker
Ich & Du und die Firma – Kleine Ermutigung für Unternehmerpaare
14,95 €, 92 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-00-048530-5
Copyright Umschlagbild: nanami7/Shutterstock

Bezugsquellen: 
E-Mail: post(a)powerpaare.net, Fax: 02131 756916

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