Familienfreundlichkeit mal anders

Beim Stichwort „familienfreundliche Bedingungen im Betrieb“ denken die meisten an Teilzeitregelungen und unternehmenseigene Kinderbetreuung. Doch auch die ältere Generation spielt eine wichtige Rolle: Eltern und weitere Angehörige von Mitarbeitern, insbesondere mit Blick auf die Pflege. Denn auch diese Aufgabe übernimmt meist die Familie.

„Mehr Menschlichkeit am Arbeitsplatz“

Bei der Firma ExTox Gasmess-Systeme GmbH geht es nicht vordergründig um Profit, wie Geschäftsführer Ludger Osterkamp hervorhebt. „Unser Geschäftszweck ist es, unsere Mitarbeiter und ihre Familien zu ernähren. Unsere Beschäftigten selbst haben wir genauso im Blick wie ihren Nachwuchs und ihre Eltern.“ Für Letztgenannte sieht der Betrieb einen besonderen Baustein in seinem ganzheitlichen, familienfreundlichen Konzept vor, das dem Personal den Einklang von Arbeitsalltag und Privatleben ermöglicht und für das ExTox im vergangenen Jahr vom Bundesfamilienministerium ausgezeichnet wurde (siehe Kasten).

ExTox-Geschäftsführer Ludger Osterkamp und Mitarbeiter Olaf Kayser (von links) sind Pflegebegleiter im Betrieb. Ihr Angebot: Beratung von Mitarbeitern. <p><span class="picinfo"> &copy; privat/Heinrich Slota</span></p>

ExTox-Geschäftsführer Ludger Osterkamp und Mitarbeiter Olaf Kayser (von links) sind Pflegebegleiter im Betrieb. Ihr Angebot: Beratung von Mitarbeitern.

© privat/Heinrich Slota

Den Beschäftigten Mut machen

Als Resultat eines „Elternsprechtags“, an dem die Angehörigen der aktuell 75 Mitarbeiter eingeladen wurden, über private Herausforderungen zu sprechen, entstand die Idee, Unterstützung im Bereich der häuslichen Pflege anzubieten. „Wir haben an dem Tag Situationen thematisiert, etwa Demenz von Angehörigen. Solche Aspekte stellen heutzutage leider immer noch mehrheitlich ein Tabu dar“, schildert Osterkamp. Um den Beschäftigten Mut zu machen, über ihre Probleme zu sprechen, und um ihnen moralische und thematische Hilfestellung anzubieten, ließen sich der Geschäftsführer und ein in der Altenpflege erfahrener Mitarbeiter zu sogenannten Pflegebegleitern ausbilden. Drei Monate lang eigneten sie sich Ende 2014 in einem Lehrgang der Ökumenischen Zentrale gGmbH für Altenhilfe Wissen in pflegerelevanten Bereichen an.

Das sind ganz private Angelegenheiten.

Vertraulichkeit ist oberstes Gebot

Auf dieser Basis beraten die beiden seitdem Mitarbeiter im Unternehmen. Jeder könne spontan ein Gespräch vereinbaren, sagt Osterkamp. „Natürlich können wir keine Pflegehelfer ersetzen. Aber es ist schon super, wenn sich jemand überhaupt traut, über das Thema zu sprechen – und das auch darf. Das sind immerhin ganz private Angelegenheiten.“ Und die werden dem Geschäftsführer zufolge streng vertraulich behandelt. Neben den Dialogen, in denen die beiden Pflegebegleiter individuell auf die Situation des Betroffenen eingehen und ihm praktische Tipps und Empfehlungen für weitere Ansprechpartner an die Hand geben, organisiert das Unternehmen vor Ort regelmäßig Vorträge mit externen Fachleuten.

Berührungsängste reduzieren

Die Themen sind in beiden Angebotsteilen vielseitig. Dazu zählen etwa die Suche nach einem geeigneten Pflegeplatz, emotionale Kontaktaufnahme zu Demenzkranken, Vorgehensweisen des Medizinischen Dienstes, technische Hilfsmittel wie Hausnotruf und Treppenlift, finanzielle Förderung, Pflegegrad-Einstufungsvoraussetzungen, Elternunterhalt, Vollmachten, Erkrankungen im Alter. „Wir kümmern uns auf Wunsch auch um die emotionale Seite der Themen, etwa um den Umgang damit, dass sich ein Angehöriger ins Heim abgeschoben fühlt oder partout keine Gehhilfe akzeptieren will“, sagt Osterkamp. Um Berührungsängste zu reduzieren, halte ExTox sogar einen firmeneigenen Rollstuhl zum Ausleihen bereit.

Raus aus der Tabuzone
„Das Thema Pflegebedürftigkeit muss raus aus der Tabuzone.“ So formuliert der Geschäftsführer sein Anliegen. „Familienfreundlichkeit muss im Betrieb von ganz oben kommen und gelebt werden.“ Gern gehe er mit gutem Beispiel voran, um Firmen zu mehr Wertschätzung der Mitarbeiter zu motivieren: „Für ein bisschen mehr Menschlichkeit am Arbeitsplatz.“

 

Schöpfen Sie Ihre Möglichkeiten aus

Mit Inkrafttreten des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes werden bei der Ermittlung der Pflegestufe und des -satzes neben körperlichen Einschränkungen jetzt auch geistige und seelische Beeinträchtigungen berücksichtigt. Die wichtigsten Informationen rund um die Pflege finden Sie auf der Homepage der IKK classic.

 

Wie aktuell ist das Thema Pflege in meinem Betrieb?

Trotz Berufstätigkeit den Freiraum und das notwendige Hintergrundwissen zur Pflege der eigenen Angehörigen haben – dabei können Betriebe ihre Mitarbeiter unterstützen. Der Bedarf steigt: 70 Prozent der aktuell pflegebedürftigen Menschen werden laut Bundesfamilienministerium häuslich versorgt – 67 Prozent davon ausschließlich durch ihre Angehörigen. Möglichst zielgerichtete Hilfestellung in Form passender Maßnahmen seitens des Betriebs basieren auf der individuellen Situation im Unternehmen, die wie folgt abgefragt werden kann:

  • Wie viele Mitarbeiter, die Angehörige pflegen, gibt es derzeit im Betrieb – und wie entwickelt sich die Anzahl voraussichtlich in den kommenden Monaten und Jahren?

  • Können schon vorhandene Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf den Bereich der Pflege ausgeweitet werden (zum Beispiel Arbeitszeitmodelle, Dienstleister-Services)?

  • Ist das Thema Pflege bereits Thema im Betrieb, etwa in Mitarbeitergesprächen oder bei Mitarbeitern untereinander?

  • Informiert der Betrieb Mitarbeiter zum Themenschwerpunkt Pflege inklusive regionaler Angebote, etwa über interne Medien oder Veranstaltungen?

Weitere Informationen gibt es über das Bundesfamilienministerium.

 

Wie kann ich Mitarbeiter mit Pflegeaufgaben unterstützen?

Schon in drei Jahren, so schätzt das Statistische Bundesamt, wird die Anzahl der Pflegebedürftigen mit Pflegestufe auf knapp drei Millionen steigen und 2030 bei rund 3,4 Millionen liegen. So unterstützen Betriebe ihre Mitarbeiter konkret dabei, ihre Angehörigen zu pflegen:

  • Informationen zum Themenschwerpunkt, etwa zu rechtlichen oder organisatorischen Fragen, zur Verfügung stellen, etwa in Form von externen Broschüren, Artikeln in internen Medien, Vorträgen oder Beratungsangeboten von Experten.

  • Das Thema so offen wie sensibel ansprechen, kein Tabu daraus machen. Betroffene ermuntern, über ihre Situation zu sprechen.

  • Schulungen oder Vorträge für Führungskräfte im Umgang mit diesem sensiblen Thema anbieten.

  • Seminare besuchen und/oder Kooperationen schließen, etwa mit Pflegedienstleistern, um dem Mitarbeiter im akuten Fall zeitlichen und organisatorischen Aufwand zu ersparen, etwa bei der Suche nach einem geeigneten Pflegedienst oder der Klärung rechtlicher Fragen.

  • Arbeitsbedingungen auf die Lebenssituation der Betroffenen anpassen, etwa mit dem Angebot von Arbeitszeitmodellen, Heimarbeit und Jobsharing.

Mehr Informationen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege sowie Umsetzungstipps gibt es hier.

 

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Bildnachweis Headergrafik: © Westend61/Getty Images


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