Misstrauen: wenn Zweifel an der Krankmeldung bestehen

Wenn Betriebsinhaber Zweifel an der Krankheit ihrer Mitarbeiter haben, können sie den Medizinischen Dienst der Krankenkassen einschalten. Was sie beachten müssen, erklärt ein Experte im Interview.

„Zweifel sollten rechtzeitig vorgebracht werden“

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – ein Spruch, der im Arbeitsalltag eigentlich nicht allzu oft in die Realität umgesetzt werden sollte. Denn Betriebsinhaber, die ihre Mitarbeiter häufig kontrollieren und ihnen somit wenig Eigenständigkeit zutrauen, schneiden sich in der Regel ins eigene Fleisch. Wer sich ständig kontrolliert fühlt, kommt ungern zur Arbeit und traut sich auch selbst irgendwann nichts mehr zu.

Es gibt aber Fälle, in denen Chefs sogar einschreiten müssen und eine Kontrollinstanz einschalten sollten. Nämlich, wenn sie Zweifel an der Krankheit ihrer Mitarbeiter haben – vor allem, wenn sich die Krankmeldungen eines einzelnen Arbeitnehmers häufen. Dann übernehmen Experten wie Daniel Merten die Begutachtung. Er leitet die Allgemeine Sozialmedizin des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) der Region Nord von Aschaffenburg aus.

Der MDK wird von den gesetzlichen Krankenkassen eingeschaltet, wenn Arbeitgeber einen Zweifel an der Krankmeldung ihrer Arbeitnehmer anmelden. In welchen Fällen sie aktiv werden sollten und wie sie dabei vorgehen, erklärt Daniel Merten im Interview.

Der Zweifel an Rechtmäßigkeit von Krankmeldungen zeugt nicht gerade von einem vertrauensvollen Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wie erleben Sie das?

Daniel Merten: Gemäß Paragraf 275 des 5. Sozialgesetzbuches hat der Arbeitgeber das Recht, bei Zweifeln an der Arbeitsunfähigkeit diese überprüfen zu lassen. Früher musste er seine Zweifel noch begründen, das ist inzwischen nicht mehr so. Er sollte dies jedoch in dem Moment vorbringen, in dem er tatsächlich Zweifel hat. Das heißt, um die Arbeitsunfähigkeit reihenweise zu überprüfen, bietet sich das Vorgehen nicht an. Wir hatten schon Fälle, in denen neue Personalreferenten besonders aktiv waren und versuchten „aufzuräumen“. Das bringt eher den gegenteiligen Effekt, denn für das Verhältnis zum Arbeitgeber ist dies sicher nicht förderlich. Berechtigte Zweifel kann man natürlich aussprechen, aber man muss sich dann auch im Klaren darüber sein, dass dies eine Verschlechterung der Beziehung hervorruft.

Wir besprechen mit dem Arzt den jeweiligen Fall, in dem wir auch die Zweifel des Arbeitgebers erläutern.

Können sich Arbeitgeber direkt an den MDK wenden?

Daniel Merten: Die Meldung muss immer über die gesetzlichen Krankenkassen laufen. Sie sind unsere Auftraggeber. Diese müssen uns nicht zwingend einschalten, sondern können Fälle oft auch selbst bearbeiten. In der Regel leiten die Krankenkassen die Meldung jedoch an uns weiter, damit wir mit dem behandelnden Arzt Kontakt aufnehmen können.

 

Wie gehen Sie bei der Begutachtung vor und was kommunizieren Sie dem Arbeitgeber?

Daniel Merten: Wir besprechen mit dem Arzt den jeweiligen Fall, in dem wir auch die Zweifel des Arbeitgebers erläutern. Häufig sind die Aussagen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer komplett entgegengesetzt. Die Wahrheit liegt in der Regel irgendwo dazwischen. Wenn sich der Fall nicht im Gespräch mit dem behandelnden Arzt lösen lässt, laden wir den Patienten schriftlich zur Begutachtung ein. Der Arbeitgeber erfährt keinerlei medizinische Sachverhalte, er bekommt von der Krankenkasse nur die Mitteilung, ob die Arbeitsunfähigkeit gerechtfertigt ist. Wenn sein Zweifel jedoch begründet ist, kann er personalrechtliche Schritte einleiten.

 

Wie lange dauert das Prozedere in der Regel?

Daniel Merten: Eine telefonische Klärung ist zumeist innerhalb von ein bis drei Tagen möglich – je nach Erreichbarkeit des die Arbeitsunfähigkeit attestierenden Arztes. Für persönliche Begutachtungen im Beratungszentrum benötigen wir einen gewissen zeitlichen Vorlauf – je nach Auslastung und Verfügbarkeit der ärztlichen Gutachter.

 

Muss der Arbeitnehmer der Einladung folgen?

Daniel Merten: Ja, er hat eine gesetzliche Mitwirkungspflicht und kann nur mit triftigem Grund wie etwa Bettlägerigkeit nicht kommen. Wer jedoch ohne triftigen Grund nicht kommt und sich weiter krankschreiben lässt, dem kann die Krankenkasse das Krankengeld verweigern.

Vor allem Kleinbetriebe sollten sich überlegen, ob sie nicht vorher versuchen wollen, mit ihren Arbeitnehmern wertschätzende Gespräche zu führen.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Gründe, warum Arbeitgeber begründete Zweifel anmelden?

Daniel Merten: Arbeitgeberzweifel werden dann vorgelegt, wenn schon eine gewisse Problematik aufgetreten ist. Etwa, wenn der Beschäftigte damit drohte, sich krankschreiben zu lassen. Viele lassen sich nach einer Kündigung bis zum Ende ihres Beschäftigungsverhältnisses krankschreiben. Das ist menschlich eine nachvollziehbare Reaktion, medizinisch jedoch zumindest fragwürdig.

 

Benötigt ein Mediziner für seine Arbeit als Gutachter eine Zusatzausbildung?

Daniel Merten: Beim MDK arbeiten ausschließlich Fachärzte. Wir erwerben während unserer Tätigkeit die Zusatzbezeichnung „Sozialmedizin“ und absolvieren viele Schulungen, besonders auch für den Bereich der psychiatrischen Erkrankung.

 

Welchen Rat können Sie Arbeitgebern bei diesem heiklen Thema mit auf den Weg geben?

Daniel Merten: Einschalten sollten sie die Krankenkasse unbedingt bei angekündigten Arbeitsunfähigkeiten nach dem Motto: „Wenn ich das nicht bekomme, bin ich halt krank.“ Sie sollten der Krankenkasse den Sachverhalt genau darlegen, damit wir diesen mit dem behandelnden Arzt diskutieren können. An der aktuellen Krankschreibung lässt sich dann zwar häufig nichts mehr ändern, doch der Arzt schaut beim nächsten Mal genauer hin. Vor allem Kleinbetriebe sollten sich überlegen, ob sie nicht vorher versuchen wollen, mit ihren Arbeitnehmern wertschätzende Gespräche zu führen und Probleme auf eine vernünftige Art und Weise zu regeln. Man sollte ein bisschen mehr Ruhe und Gelassenheit walten lassen und es nicht immer gleich auf die Spitze treiben.

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Bildnachweis Headergrafik: © LWA/ Dann Tardif/The Image Bank/Getty Images


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