Wenn Mitarbeiter entscheiden

Schreinermeister Martin Schlingmann lässt sein Team mitentscheiden. Ganz gleich, ob es um ein neues Arbeitsgerät oder um die Verbesserung der Abläufe geht – die Mitarbeiter sollen offen ihre Meinung äußern. Am Ende entscheidet die Mehrheit, nicht der Chef. 

„Ich freue mich, wenn meine Mitarbeiter selbst entscheiden“

Demokratie im Unternehmen – was in der Theorie schön klingt, scheitert manchmal im Arbeitsalltag. Chefs entscheiden lieber schnell selbst, bevor sie sich lange mit Mitarbeitern abstimmen. Doch wer regelmäßig sein Team einbindet, bekommt ein Vertrauen zurück, das nicht mit einem Gehaltsscheck zu erreichen wäre.

Martin Schlingmann weiß das aus eigener Erfahrung. Der Schreinermeister hat seine Schreinerei 1998 in Bad König in Hessen gegründet. In der Anfangszeit fiel es auch ihm schwer, loszulassen. Mittlerweile ist er stolz auf die Eigenständigkeit seiner Mitarbeiter: „Ich freue mich, wenn meine Mitarbeiter möglichst viel selbst entscheiden“, sagt der 55-Jährige.

Und mitentscheiden. Als für den Betrieb Geld für ein neues Arbeitsgerät zur Verfügung stand, fragte der Betriebsinhaber erst sein Team: „Was, denkt ihr, brauchen wir?“ Mehrere der 14 Mitarbeiter schlugen unabhängig voneinander eine Plattensäge vor. Er selbst hätte eigentlich in eine Absauganlage investiert. „Die Mitarbeiter haben mich überstimmt. Wir haben jetzt eine neue Säge“, sagt er.

Die Mitarbeiter haben mich überstimmt. Wir haben jetzt eine neue Säge.

Mitarbeiter bleiben im Betrieb

Aktuell steht die nächste Entscheidung an: Ein neuer Transporter soll gekauft werden. Statt einfach ein günstiges Modell auszusuchen, bindet Martin Schlingmann wieder alle mit ein. „Ich habe mehrere Ausdrucke von Modellen in der Firma ausgelegt. Welches Auto es wird, entscheiden wir wieder gemeinsam.“

Weil die Mitarbeiter mitgestalten können, identifizieren sie sich mehr mit dem Betrieb als Angestellte, die lediglich ihre Aufgaben erfüllen. Wer bei der Schreinerei Schlingmann anfängt, bleibt in der Regel. Nur sehr selten sind Mitarbeiter in den vergangenen Jahren zur Konkurrenz gewechselt. Der Betrieb erhält derart viele Anfragen für seine Ausbildungsplätze, dass Schlingmann immer zwischen zahlreichen Bewerbern auswählen kann.

Als es dem Betrieb vor einigen Jahren finanziell nicht gut ging, sprach der Meister offen mit seinem Team über die Probleme. Eine Kreissäge musste dringend angeschafft werden, um nicht weitere Aufträge zu verlieren, doch das Geld fehlte. Ein Mitarbeiter bot an, dem Betrieb einen Kredit zu geben. Die Kreissäge konnte gekauft werden, die Firma erholte sich schnell von ihrem kleinen Finanztief. „Wir sind wie eine Familie. Da hilft man sich“, sagt Schlingmann.

 

Auch kleine Probleme werden offen angesprochen

Er säße auch mal abends länger mit seinen Leuten im Büro und würde mit ihnen über Privates quatschen. „Das schafft auch Vertrauen auf beiden Seiten“, erzählt er.

Wie das fehlende Geld für die Kreissäge werden auch kleinere Alltagsprobleme offen angesprochen und diskutiert. Auf sogenannten „Kuhblättern“, die im Betrieb ausliegen, können Mitarbeiter aufschreiben, welche Schwierigkeiten sie momentan beschäftigen oder was beispielsweise beim letzten Auftrag nicht so gut gelaufen ist. Die Kollegen ergänzen dann Lösungsvorschläge.

Auf diese Weise lernen die Mitarbeiter, nicht mit jedem kleinen „Wehwehchen“ zum Chef zu rennen, sondern mit Hilfe ihrer Kollegen eine Lösung zu finden. „Ich wünsche mir selbstbewusste und selbstständige Mitarbeiter. Da kann ich sie auch nicht bei jeder Gelegenheit für Fehler kritisieren. Das zerstört jedes Selbstbewusstsein und sie trauen sich nicht, beim nächsten Mal eigenständig zu entscheiden. Manchmal muss ich schon schlucken, aber niemand kann immer richtig entscheiden“, sagt Schlingmann. Eben auch der Chef nicht.

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Bildnachweis Headergrafik: © Schreinerei Schlingmann


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