Stechuhr oder Vertrauensarbeitszeit

Mit flexiblen Arbeitszeitmodellen federn Handwerksbetriebe Auftragsspitzen ab, motivieren ihre Mitarbeiter und können beim Rekrutieren von Fachkräften gegenüber den Wettbewerbern punkten.

Für jeden das richtige Modell

Bäckermeister Peter Wentzlaff in Aktion

Bäckermeister Peter Wentzlaff in Aktion

© KIRSTEN NIJHOF

Peter Wentzlaff vom gleichnamigen Backhaus beschäftigt 120 Mitarbeiter in 18 Filialen und zwei Kaffeehäusern im sächsischen Mügeln. Als Arbeitgeber hat er schon einiges erlebt und ist darauf bedacht, zufriedene und motivierte Mitarbeiter zu beschäftigen. Wichtig war ihm daher die Arbeitszeitgestaltung. „Wir haben drei Arbeitszeitmodelle: die normale Vollzeit mit 40 Stunden, unsere sogenannte Mutti-Schicht, die eine Teilzeitbeschäftigung ermöglicht, und das Jahresarbeitszeitmodell“, erklärt er. Bei Letzterem erhält jeder parallel zu seinem Arbeitsvertrag ein Jahresarbeitszeitkonto, in dem er Plus- und Minus-Pufferzonen einrichten kann. Innerhalb eines Jahres muss die festgelegte Arbeitszeit erbracht werden. „Im Januar stellen wir das Konto auf null. Wer im Plus ist, erhält den Gegenwert im Folgelohn. Wer aber im Minus ist, dem wird der Betrag abgezogen“, erklärt Wentzlaff.

Mit dem Mix an Arbeitszeitmodellen motiviert er seine Mitarbeiter und lastet seinen Betrieb optimal aus. In den Bäckereien wird im Zweischichtensystem gearbeitet: Die Tagschicht übernimmt die Vorbereitungen, die Nachtschicht verarbeitet die Teiglinge. In der neuen gläsernen Brotschule in Leipzig hat er außerdem eine flexible Arbeitszeit eingeführt: „Familienväter fangen gerne um fünf Uhr an, sodass sie nachmittags noch etwas von ihren Kindern haben“, sagt er.

Vertrauen dank Familienfreundlichkeit

Die gängigsten Modelle im Überblick

Die Arbeitszeit ist geringer als die betrieblich vereinbarte Regelarbeitszeit.

Pro:

  • Akzeptanz durch die Vereinbarung von Arbeit und Familie

  • Flexibilität in Stoßzeiten

  • Vermeidung von Überstunden

  • Niedrigere Fehlzeiten

Kontra:

  • Mehr Aufwand für die Personaleinsatzplanung

  • Fehlerquellen durch mehr Übergaben

Das Volumen der Arbeitszeit variiert.

Pro:

  • Bessere Bewältigung von Unterauslastungen

  • Vermeidung von Entlassungen

  • Imagegewinn

Kontra:

  • Zeitweiser Verzicht auf rare Fachkräfte

Die Mitarbeiter erledigen ihre Aufgaben in einem verabredeten Zeitraum eigenverantwortlich.

Pro:

  • Formale Zeiterfassung entfällt

  • Arbeit wird aufgabenorientiert erledigt, Leerlaufzeiten entfallen

  • Imagegewinn

Kontra:

  • Realistische Planung von Zeit und Zielen notwendig

  • Arbeitgeber muss dafür sorgen, dass nicht mehr gearbeitet wird als zulässig

Die Jahresarbeitszeit wird so organisiert, dass der Betrieb reibungslos funktioniert.

Pro:

  • Zufriedenere Mitarbeiter durch selbstständige Planung der Arbeitszeit

  • Private Erledigungen außerhalb der Arbeitszeit

Kontra:

  • Hohe Teamfähigkeit der Belegschaft notwendig

  • Mehraufwand durch regelmäßiges Glattziehen der Arbeitszeitkonten

Die vertragliche Arbeitszeit muss innerhalb von zwölf Monaten erreicht werden.

Pro:

  • Auftragsschwankungen werden abgefedert

  • Überstunden müssen nicht bezahlt werden

Kontra:

  • Minusstunden lassen sich nur bei einem verstetigten Arbeitsentgelt ansammeln

Arbeitsstunden werden auf Gleitzeitkonten festgehalten. Minus- und Plusstunden werden übertragen.

Pro:

  • Motivierte Mitarbeiter

  • Private Erledigungen außerhalb der Arbeitszeit

  • Personelle Abfederung in Spitzenzeiten

Kontra:

  • Keine

Handwerksbetriebe stehen vor der Herausforderung, das Auftragsvolumen mit der vorhandenen Mitarbeiterzahl – und den begrenzten Kräften der Mitarbeiter vor allem bei körperlich schweren Arbeiten – dem Kundenwunsch entsprechend zu bewältigen und dabei noch die Bedürfnisse ihrer Angestellten zu berücksichtigen. Das ist wichtig: Nach Ergebnissen des „Arbeitszeitreports Deutschland 2016“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) wirkt sich die Möglichkeit für die Beschäftigten, auf die Arbeitszeitgestaltung Einfluss zu nehmen, positiv auf ihre Gesundheit aus.

„Ohne Regelung gilt im Baubereich Dienst nach Vorschrift“, erklärt Daniel Bagehorn von der Handwerkskammer Dresden. „Das führt mitunter zum Wettbewerbsnachteil gegenüber den Firmen, die ihren Mitarbeitern mit Flexibilität für eine bessere Work-Life-Balance entgegenkommen.“ Die Mitarbeiter von Andreas Geißler vom Baugeschäft Geißler in Dresden etwa arbeiten im Sommer mehr und im Winter entsprechend weniger. Die Arbeitszeiten werden auf Stundenkonten festgehalten. Eng wird es, wenn der Winter mild ist, die Auftragslage gut ist und die Stundenkonten voll sind. Seine Lösung: Er bittet Kollegen aus seiner Innung um Unterstützung.

Bei den vielen Möglichkeiten (siehe Kasten) fällt die Wahl des richtigen Modells nicht immer leicht. Hilfestellungen bieten die Handwerkskammern sowie Experten wie Ulrike Hellert, Inhaberin der Unternehmensberatung Moderne Arbeitszeiten im bayerischen Scheinfeld. Wenn es häufig zu Auftragsspitzen kommt, rät sie zu sogenannten Funktionsarbeitszeiten. „Das sind flexible Arbeitszeitmodelle in Kombination mit Teilzeit, Vertrauensarbeitszeit, Wahlarbeitszeit und Flexibilität im Volumen, die einen optimalen Handlungsspielraum lassen“, so Hellert. Dabei bespricht der Meister mit den Mitarbeitern, wen er wann für welche Tätigkeiten braucht, damit die Funktionsfähigkeit des Betriebs sichergestellt ist.

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Bildnachweis Headergrafik: © PNC/ Stockbyte/Getty Images


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