Kontrolle abgeben

Warum nicht einfach mal seine Mitarbeiter fragen? Hermann Arnold plädiert dafür, dass Chefs viel öfter ihr Team entscheiden lassen. Der Autor ist davon überzeugt: Wer Kontrolle abgibt, bekommt Erfolg zurück. 

Kontrolle abgeben

Vielen Chefs fällt es schwer, die Zügel auch mal aus der Hand zu geben. Wer Mitarbeiter mitentscheiden lässt, hat weniger Stress und sorgt für ein zufriedenes Team. Hermann Arnold beschreibt in seinem Buch „Wir sind Chef“, wie Demokratie im Unternehmen funktionieren kann. Im Interview erzählt er, warum kleine Handwerksbetriebe ein Vorbild für große Unternehmen sind, was in Ihrer nächsten Stellenanzeige stehen sollte und warum Mitarbeiter in Zukunft sogar beim Gehalt mitreden werden.

 

Warum ist es wichtig, dass Mitarbeiter möglichst in vielen Bereichen mitentscheiden?

Hermann Arnold: Die Umwelt, in der wir leben, hat sich massiv beschleunigt. Alles wird schneller, deshalb müssen auch Unternehmen agiler sein. Hierarchische Strukturen sind wie Flaschenhälse – bis die Entscheidungen ihren Weg nach außen gefunden haben, kostet es viel Zeit und Energie. Wenn Mitarbeiter nicht erst den Chef fragen, sondern eigenständig entscheiden, vereinfacht das die Prozesse. Der Kunde ist glücklicher, das Team ebenfalls.

 

Arbeiten Mitarbeiter, die Verantwortung tragen, motivierter?

Hermann Arnold: In der Regel schon. Ein Mitarbeiter, der regelmäßig beim Kunden vor Ort ist, kennt die Probleme und Wünsche vermutlich besser als der Chef. Entscheidet am Ende dennoch der Chef, kann das auf Dauer frustrierend sein. Vor allem, wenn Mitarbeiter zu dem Schluss kommen: „Hätte der Chef meinen Einblick in das Thema gehabt, hätte er sicher anders entschieden.“

Das Einzige, was heutzutage unmöglich zu teilen scheint, ist ‚Chef sein‛.

Wozu gibt es dann überhaupt noch einen Chef?

Hermann Arnold: Egal, wie weit Demokratie in einer Firma geht, komplett auf Chefs kann kein Unternehmen verzichten. Sie sind die Schnittstelle für alle Abteilungen und Mitarbeiter. Sie können der Gefahr entgegenwirken, dass Angestellte nur ihre eigene Abteilung bei Entscheidungen im Blick haben und nicht das Gesamtunternehmen.

 

Wie können Betriebsinhaber lernen, Aufgaben abzugeben?

Hermann Arnold: Wir teilen Katzenvideos, wir teilen Taxifahrten, wir teilen Wohnungen. Das Einzige, was heutzutage unmöglich zu teilen scheint, ist „Chef sein“. Betriebsinhaber, die bisher bei allem das letzte Wort haben, fangen am besten mit kleinen Schritten an, die wenig Risiko beinhalten, mit denen man aber Erfahrung sammeln kann.

 

Haben Sie konkrete Beispiele, die jeder Chef problemlos ausprobieren kann?

Hermann Arnold: Eine gute Möglichkeit ist die Rekrutierung neuer Mitarbeiter. Gut ausgebildete Leute zu finden, wird immer schwieriger. Wenn ich als Firmeninhaber eine Stelle zu besetzen habe, ich aber seit einiger Zeit keine geeigneten Bewerber finde, kann ich dort ansetzen. Das Team wird in die Verantwortung genommen. Im Stelleninserat steht dann auch nicht „wir, die Müller GmbH, sucht XY“, sondern „wir, das Team, mit dem du in Zukunft zusammenarbeitest, suchen dich“. Vielleicht stellt man sogar Fotos von den neuen Kollegen dazu. Im Team wird entschieden, wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, ebenso, wer am Ende eingestellt wird. Und ganz wichtig: Der Chef hat nur eine Stimme, genau wie jeder andere Mitarbeiter.

Der Lohn hängt davon ab, wie gut meine Leistung ist. Als Mitarbeiter und als Gesamtunternehmen.

Was ist, wenn Mitarbeiter gewohnt sind, konkrete Anweisungen auszuführen? Wie bekomme ich sie als Chef dazu, eigenverantwortlich ihre Aufgaben zu übernehmen?

Hermann Arnold: Indem ich sie selbst ihre Stellenbeschreibung formulieren lasse. Statt als Betriebsinhaber zu sagen „Das sind deine Aufgaben“, drehe ich das um. Der Mitarbeiter soll sich Gedanken machen, was seine Aufgaben sind, wie er diese am besten erfüllt, wie er die Qualität seiner eigenen Arbeit selbst überprüfen kann. Nicht zuletzt sollte jeder klar definieren, wohin er es im Unternehmen schaffen möchte. Wenn sich Mitarbeiter selbst eigene Ziele festlegen, haben sie einen besseren inneren Kompass, welche Entscheidungen sie alleine treffen können und sollten – und vor allem, wie sie die vielen täglichen Anforderungen priorisieren können. Das erleichtert den Alltag.

 

Sind kleine, inhabergeführte Betriebe, wie sie oft im Handwerk existieren, für demokratische Entscheidungsprozesse prädestiniert?

Hermann Arnold: Auf jeden Fall. Der Inhaber arbeitet oft eng mit seinen Arbeitnehmern zusammen. Er hat ein Ohr für jeden Mitarbeiter, die Wege sind kurz, man kann schnell etwas absprechen. Und in der Regel entscheidet der Chef hier automatisch im Sinne des Unternehmens und der Mitarbeiter – und die Mitarbeiter oft auch. Sie identifizieren sich mehr mit ihrer Firma. Kleine Handwerksunternehmen sind, was Einbezug von Mitarbeitern angeht, Vorbild für große Firmen.

 

Es gibt Firmen, die Mitarbeiter selbst entscheiden lassen, wie viel Urlaub ihnen im Jahr zur Verfügung steht oder welches Gehalt sie für angemessen halten. Geht das bei aller Liebe zur Demokratie im Unternehmen nicht zu weit?

Hermann Arnold: Wir müssen offen sein und uns bewusst machen, dass es heutzutage noch keine allgemeingültigen Lösungen für eine neue Arbeitswelt gibt. Um das plastischer zu machen, vergleiche ich die derzeitige Situation gerne mit den Anfängen der Entwicklung des ersten Flugzeuges. Am Anfang gab es viele Abstürze, viele glaubten nicht, dass der Mensch je fliegen könnte. Ich bin überzeugt davon, dass der Chef irgendwann nicht mehr alleine entscheidet, wie viel der Einzelne verdient. Das Team wird mitentscheiden. Die direkten Kollegen wissen am besten, wer seine Arbeit gut macht und wer nicht, wer sich vor Arbeit drückt und wer die anderen mitzieht. Sie können heute in verschiedensten Branchen nachfragen, kaum jemand ist mit dem Gehaltssystem seiner Firma zufrieden und empfindet es als fair. Ich glaube auch, dass Kunden in Zukunft mehr eingebunden werden, was die Bezahlung angeht. Auf dem Bauernmarkt ist ein Kunde bereit, mehr zu zahlen, weil das Produkt aus der Region stammt und die Qualität besser ist. Dieses Prinzip wird sich auf lange Sicht in viele Branchen ausbreiten. Der Lohn hängt davon ab, wie gut meine Leistung ist. Als Mitarbeiter und als Gesamtunternehmen. 

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Bildnachweis Headergrafik: © Drazen Lovric/E+/Getty Images


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