Mehrwert statt Dutzendware

Wissen, was drin ist und wo es herkommt. Hochwertige und gesunde Zutaten, kombiniert mit einem jungen Ansatz. Dieser Ernährungstrend bietet dem Handwerk viele Chancen. Zwei Beispiele, wie aus dem Trend ein gutes Geschäft wird.

Mehrwert statt Dutzendware

Einfach nur verkaufen, das reicht heutzutage im Lebensmittelhandwerk nicht mehr aus. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, müssen Betriebe den Kunden etwas Außergewöhnliches bieten. Jörg Schmid und Johannes Hirth haben einen solchen jungen, undogmatischen Ansatz gefunden. „Wir wollen das Bäckerhandwerk von seinem angestaubten Image befreien“, sagen sie.

Schon der Name, den sich die beiden Bäckermeister gegeben haben, repräsentiert ihr Motto: „die Wildbakers“. Die Idee zum Eventbacken kam Jörg Schmid und Johannes Hirth 2009, als die Freunde gemeinsam bei der ersten deutschen Meisterschaft der Bäckermeister angetreten waren. „Wir hatten damals eine Zusage von einem Kamerateam, das uns begleiten wollte. Um aufzufallen, die Jury zu beeindrucken und dem Fernsehen etwas zu bieten, sind wir als die ‚Devilbakers‘ angetreten“, erzählt Schmid. Sie belegten den vierten Platz und erhielten Aufmerksamkeit in der Branche. Im Anschluss sei beiden klar gewesen: „Diese Taktik der Vermarktung müssen wir irgendwie aufs Bäckerhandwerk übertragen.“ Deutschlands erstes Eventbackteam war geboren.

Und das zu einer Zeit, in der das Kochhandwerk das Fernsehprogramm mit zahlreichen Kochshows aller Art beherrschte. „Wir haben uns die Kollegen in den weißen Kochjacken zum Vorbild genommen. Wenn das bei denen funktioniert, musste im Bereich Unterhaltung und Event doch auch Platz für uns sein“, sagt Schmid.

Wir haben uns die Kollegen in den weißen Kochjacken zum Vorbild genommen.

Spagat zwischen Betrieb und Event

Und es war Platz für die beiden Bäcker. Mittlerweile geben sie brancheninterne Backkurse oder halten vor Kollegen Vorträge. Brotverkostungen bei Firmenveranstaltungen gehören ebenso in ihr Programm wie kleinere Backshows, beispielsweise wenn Küchenstudios ihren Kunden etwas bieten wollen. Und auch im Fernsehen sind die beiden regelmäßig zu sehen: ob als Experten in einem Bericht über gesunde Ernährung oder als Gäste in Kochshows. „Die Produktionsfirmen kennen uns inzwischen schon und melden sich bei neuen Projekten oft von sich aus“, erklärt Schmid.

Manchmal sei der Spagat zwischen Betrieb und Event allerdings nicht einfach. Denn Jörg Schmid hat weiterhin seine Bäckerei in Gomaringen in der Nähe von Tübingen und Johannes Hirth leitet seinen eigenen Betrieb in Bad Friedrichshall. „Wir haben eben keinen klassischen Rhythmus wie andere Bäcker. Mal sind wir morgens in der Backstube und nachmittags bei einem Dreh, mal sogar drei Wochen am Stück gar nicht im Betrieb“, erzählt Schmid.

 

Ein Motor für den Betrieb

In den eigenen Bäckereien bieten die beiden zudem noch Backkurse für Laien an – die Kurse sind für die nächsten Monate ausgebucht. Die kleine Bekanntheit, die die „Wildbakers“ mittlerweile erlangt haben, sei ein Motor für die Betriebe. „Ob wir dadurch mehr Brötchen verkaufen, kann ich nicht sagen. Aber es kommen schon regelmäßig Kunden, die sagen: ‚Wir haben euch im Fernsehen oder bei einem Event gesehen‘.“

Grillseminare Freyberger

Dirk Freyberger (rechts) gibt Grillseminare – manchmal auch fleischlos, beispielsweise mit Fisch.

© Metzgerei Freyberger

Von der Grillleidenschaft zum Geschäftsmodell

Ähnlich geht es auch Dirk Freyberger. Nur dass die Kunden bei ihm keine Brötchen, sondern Fleisch kaufen. Der Metzgermeister bietet seit drei Jahren Grillkurse in seinem Betrieb an. Und wer in seinen Kursen gelernt hat, welches Stück vom Rind am besten für den Grill geeignet ist, kauft in der Regel auch in Zukunft eher bei ihm sein Fleisch.

Dirk Freyberger führt mit seinem Bruder in dritter Generation den Metzgereibetrieb Freyberger in Nürnberg. Auf die Idee, neben dem Thekengeschäft Kurse für Kunden anzubieten, ist Dirk Freyberger durch seine eigene Grillleidenschaft gekommen. „Ich grille selbst fast jeden Abend privat. Da das klassische Thekengeschäft immer schwieriger wird, sind andere Standbeine im Lebensmittelhandwerk extrem wichtig“, sagt er.

Da das klassische Thekengeschäft immer schwieriger wird, sind andere Standbeine im Lebensmittelhandwerk extrem wichtig.

So bietet der Familienbetrieb schon seit einigen Jahren einen Catering- und Partyservice – und Mittagsmenüs in seiner Filiale. Und er beliefert mit seinem „Essen auf Rädern“ private Haushalte, Seniorenheime und Firmen mit Menüs. Die Grillseminare waren nur eine Erweiterung zu dem Konzept, das die Freybergers bereits seit langer Zeit verfolgen: Trends erkennen und in den eigenen Betrieb integrieren.

 

Vor allem Männer buchen die Kurse

Die Grillkurse seien bei den Kunden direkt gut angekommen – und fast immer ausgebucht. Vor allem Männer melden sich an, um zu lernen, wie Steak und Co. besonders schmackhaft auf dem Teller landen. „Denen reicht meist Fleisch und Bier. Großartige Beilagenzubereitung wollen die gar nicht“, erzählt Freyberger. In den reinen Frauengrillkursen, die er auch gibt, sei das anders. „Die legen mehr Wert auf das Drumherum.“ Sich auf den Kunden individuell einstellen, das ist eben auch bei jungen Ansätzen der Vermarktung immer die zentrale Voraussetzung.

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