So wird Ihr Betrieb digital

Viele kleinere Handwerksunternehmen glauben, dass die Digitalisierung sie nicht betrifft. Eine fatale Fehleinschätzung, sagt Welf Schröter, Leiter des Forums Soziale Technikgestaltung.

„Betriebe müssen wachgeküsst werden“

Im Interview erklärt Welf Schröter, warum der Begriff „Industrie 4.0“ zu Irritationen im Mittelstand führt, dass Digitalisierung nicht nur etwas mit Technik zu tun hat und warum eine Cloud-Lösung den Arbeitsalltag vereinfachen kann.

 

Warum sollte Digitalisierung gerade auch für kleine Handwerksbetriebe ein Thema sein?

Welf Schröter: Der Prozess der Digitalisierung betrifft alle Betriebe, nicht nur die großen, sondern gerade auch das Handwerk. Der Wettbewerb findet immer mehr im Netz statt. Betriebe können dem Kunden in der neuen Welt neue Services anbieten. Die Betriebe müssen die Chance eben nur erkennen. Wer sich allerdings nicht dem Neuen öffnet, läuft mittelfristig Gefahr, Kooperationen, Aufträge und Kunden zu verlieren.

 

Welf Schröter

© privat

Haben Betriebe die Chance erkannt?

Welf Schröter: Der politische Start dieser neuen Stufe unter dem Begriff „Industrie 4.0“ war, diplomatisch ausgedrückt, eher unbeholfen. Mittelständler und Handwerker fühlten sich davon nicht angesprochen. Hätte man es von Anfang an „Wirtschaft 4.0“ genannt, wäre das für alle Beteiligten ein besserer Start gewesen. Ich beobachte die Entwicklung jetzt seit Jahren und kann berichten, dass das Interesse an der Digitalisierung in vielen Gewerken zunimmt. Sie erkennen, welches Potenzial darin liegt. Es gibt eine Reihe von Projekten, die vom Bund gefördert werden, die ganz bewusst Handwerk und Mittelstand ansprechen. Ich bin selbst im Projekt „Prävention 4.0“ (http://www.praevention40.de/) involviert, das die Welt der Digitalisierung in den Alltag der Unternehmen bringen will. Wir entwickeln konkrete Handlungsempfehlungen und Leitlinien für Betriebe.

Wie integriert man denn die Digitalisierung in den Betriebsalltag?

Welf Schröter: Dazu gehört zunächst ein Perspektivwechsel. Diejenigen, die etwas von 4.0 hören, denken zunächst nur an Technik. Dann kommt ein Ingenieur oder Informatiker und erklärt die neue Welt aus der technischen Perspektive. Damit kann ein Betriebsinhaber in der Regel nichts anfangen. Wir müssen lernen, diese technischen Potenziale in die Prozessabläufe im Betrieb zu integrieren und sie aus der Perspektive dieser Prozesse zu formulieren. Was kann eine CPS-Lösung im Beschaffungswesen bedeuten? Wie sieht eine Cloud-Nutzung bei Einkauf, Kundenbetreuung und bei der Begleitung eines kompletten Bauvorhabens aus? Auf diese Weise, mit Praxisbeispielen, bekommen wir einen Zugang.

 

Können Sie konkrete Beispiele nennen, in denen der digitale Fortschritt Betrieben Vorteile verschafft?

Welf Schröter: Nehmen wir das Beispiel der modernen, internetgebundenen Fernwartung. Mit Sensorchips an Heizkörpern, an Solardächern, an Baumaschinen und besonderen Werkzeugen kann die Nutzungszeit online geprüft werden. Bevor Schaden entsteht, können durch vorausschauende Wartungen Materialermüdung oder fehlerhafte Abläufe frühzeitig erkannt werden. Somit entstehen für Betriebe völlig neue Serviceangebote für Kunden. In naher Zukunft kauft der Kunde nicht mehr allein eine punktuelle Handwerksarbeit. Er will das materielle Ergebnis plus einen digitalen Service. Ein zweites Beispiel betrifft Ausschreibungen. Viele von den öffentlichen Ausschreibungen im Bereich der Baugewerke sind mittlerweile elektronisch. Und wenn man sich diese genauer anschaut, entdeckt man, dass ein großer Teil bereits eine Anwendung von Cloud-Technologie ist. Betriebe sind oft überrascht, welche Erleichterung diese elektronischen Lösungen bringen.

Wir müssen lernen, diese technischen Potenziale in die Prozessabläufe im Betrieb zu integrieren und sie aus der Perspektive dieser Prozesse zu formulieren.

Was genau ist daran einfacher?

Welf Schröter: Die Arbeitsschritte sind in der Regel in einer vernünftigen Weise elektronisch vorbereitet. Früher mussten Sie teilweise 500 Seiten mit Fachchinesisch durchblättern. Nach der fünften Seite haben viele kleinere Betriebe aufgegeben. In der Cloud-Lösung bekommen Sie automatisch nur die Formulare angezeigt, die Sie auch bearbeiten müssen. Sie klicken sich zu farbig markierten Stellen durch und fügen Zahlen ein, die Sie selbst vom eigenen PC rüberkopieren können. Wenn Sie zwei, drei Mal an einer elektronischen Ausschreibung teilgenommen haben, stellen Sie zudem fest, dass Sie Vorlagen oft wiederverwenden können und – neben spezifischen Daten des Leistungsverzeichnisses – nur ein paar Zahlen geändert werden müssen. Unternehmen können auch ein eingereichtes Angebot bis kurz vor dem Enddatum zurückziehen und es anpassen – beispielsweise wenn ein Baumaterial günstiger geworden ist und Sie einen niedrigeren Preis bieten können. Das geht bei der schriftlichen Variante nicht oder nur äußerst kompliziert.

 

Haben Sie konkrete Tipps, wie Betriebe vorgehen sollen, die sich mit der Digitalisierung beschäftigen wollen?

Welf Schröter: Der Vorteil im Handwerksbereich ist, dass Zusammenschlüsse in Kammern, Innungen und Verbünden existieren. Das sollten Unternehmer nutzen. Dort werden mittlerweile zahlreiche Veranstaltungen angeboten, die ich immer gerne als „Wachküssen der Betriebe“ bezeichne. Eine verständliche Einführung, die nicht mit Fremdwörtern und Technikbegriffen um sich wirft. Eine zweite Möglichkeit zur Orientierung ist, mit einer Gruppe von anderen Betriebsinhabern auf eine Messe zu gehen und sich untereinander auszutauschen. Oder man fährt zu anderen Unternehmen, die sich bereits im Bereich der Digitalisierung einen Namen gemacht haben, und lässt sich Tipps geben. Im Prinzip 4.0 zum Anfassen.

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