Mediation im Handwerk

Im Arbeitsalltag kann es schnell zu Unstimmigkeiten kommen. Artet der Streit mit Mitarbeitern, Kunden oder Lieferanten aus, kann ein Mediator vermitteln. Der Konflikt wird auf diese Weise diskret hinter verschlossenen Türen geklärt und landet nicht vor Gericht. Ein Mediator berichtet von seinen Erfahrungen…

„Häufig wissen die Parteien nicht mehr, über was sie eigentlich streiten“

Dr. Andreas Frost ist seit Ende der 1990-Jahre als Mediator tätig. Seit 2010 bildet er für die Handwerkskammer Reutlingen auch Mediatoren im Handwerk aus. Im Interview erklärt er, wann es sinnvoll ist, einen Mediator zu rufen, weshalb am runden Tisch manchmal die Fetzen fliegen und was Mediation mit Eisbergen zu tun hat.

 

Was ist die Aufgabe eines Mediators?

Dr. Andreas Frost: Bei einer Mediation gibt es in der Regel zwei Parteien, die miteinander mehr oder weniger stark zerstritten sind. Die Betroffenen haben dabei ihre eigene höchstpersönliche Wahrnehmung. Oft sind sie dabei mit ihrer Sichtweise wie unter einer Käseglocke gefangen. Der Mediator hilft den Parteien, gemeinsam einen Weg aus diesem Dilemma zu finden. Die Situation lässt sich gut anhand des sogenannten Eisbergmodells beschreiben. Zwei Eisberge treiben getrennt voneinander im Meer. Sie symbolisieren dabei unvereinbare Ansichten. Tatsächlich sind sie jedoch unter der Wasseroberfläche untrennbar miteinander verbunden – wie der Konflikt, der nur von beiden Betroffenen gemeinsam gelöst werden kann. Der Mediator hilft den zerstrittenen Parteien, dies zu erkennen. Er ist dabei im Interesse aller Beteiligten allparteilicher Gesprächshelfer.  

 

Wie gehen Sie bei einer Mediation vor?

Dr. Andreas Frost: Wichtig ist, dass es einen strukturierten Gesprächsverlauf gibt. Zunächst muss geklärt werden, worum es überhaupt geht. Das klingt banal. Aber es kommt häufig vor, dass die Parteien nicht wissen, wo die Ursache ihres Problems liegt und über was sie im Detail eigentlich streiten. Oft schlummern die Ursachen im Verborgenen und werden nicht bewusst wahrgenommen. Dabei werden auch Gesprächsregeln aufgestellt. Was passiert beispielsweise, wenn plötzlich die Fetzen fliegen? Was ist dem Mediator erlaubt? Soll er eingreifen? Ich muss den Parteien von Beginn an sanft klar machen, dass sie Teil der Lösung sind. Sie können den Konflikt nur gemeinsam lösen. Gegeneinander zu kämpfen bringt sie nicht voran. Ist das geschafft, wird gemeinsam an einer Lösung gearbeitet, die alle Betroffenen irgendwie weiterbringt und sie in Zukunft von ihrem Übel befreit.

Dr. Andreas Frost, Rechtsanwalt und Mediator

Dr. Andreas Frost, Rechtsanwalt und Mediator, hilft streitenden Parteien dabei, eine Lösung zu finden.

© privat

Fällt es Ihnen manchmal schwer, neutral in der Mitte zu bleiben?

Dr. Andreas Frost: Nein, ohne Neutralität oder besser Allparteilichkeit meinerseits funktioniert das Verfahren nicht. Deshalb braucht ein Mediator, um akzeptiert zu werden, eine fundierte Grundausbildung. Der Lehrgang „Mediation im Handwerk“, den ich bei der Handwerkskammer Reutlingen durchführe, umfasst zum Beispiel 120 Zeitstunden. Dort lernen die Teilnehmer neben dem theoretischen Rüstzeug in praktischen Übungen, wie sie ein Mediationsverfahren professionell durchführen können und sich in brenzligen Situationen geschickt verhalten. 

Sprechen Sie auch alleine mit den Parteien?

Dr. Andreas Frost: Um Vertrauen zu schaffen, ist es im ersten Schritt wichtig, alle gemeinsam an einen Tisch zu bringen. Wenn beide Seiten einverstanden sind, kann es später auch Einzelgespräche geben. Dann sprechen wir von „Shuttle-Mediation“. Manchmal ist das sinnvoll, in anderen Fällen dagegen kontraproduktiv. Bei der Entscheidung muss sich jeder Mediator von seiner Erfahrung, vom Gesprächsverlauf und von den Wahrnehmungen der Beteiligten leiten lassen. Die Medianten – so nennt man übrigens die Streitparteien – haben dabei ein gewichtiges Wort mitzureden.

Ein Betriebsinhaber ist meist selbst emotional involviert und kann kaum die allparteiliche Mitte vertreten.

Wann ist es sinnvoll, einen Mediator zu rufen?

Dr. Andreas Frost: Immer dann, wenn die Situation festgefahren ist und die Betroffenen aus eigener Kraft nicht weiterkommen. Mediation hilft dann, den Gesprächsprozess wieder zum Laufen zu bringen. Damit wird eine weitere Eskalation vermieden. Geschäftliche oder private Beziehungen werden geschont. Weiter, wenn nach Lösungen gesucht wird, die es den Konfliktparteien ermöglichen, das Gesicht zu wahren, oder wenn Vertraulichkeit wichtig ist. Im Übrigen immer dann, wenn es um kostengünstige und schnelle Lösungen geht, über deren Inhalt und Gestaltung die Medianten selbst bestimmen wollen.

 

Gibt es im Bereich Handwerk typische Konflikte, die in Ihrer Arbeit immer wieder auftauchen?

Dr. Andreas Frost: Familiäre Verwicklungen sind im Handwerk immer wieder anzutreffen. Häufig arbeiten mehrere Generationen in einem Betrieb zusammen. Da gibt es immer wieder Bedarf, einen Ausgleich zu schaffen. Betriebsübergaben, aber auch die Neuausrichtung von Unternehmen sind große Themen. Kinder der Firmengründer, aber auch Schwiegersöhne und -töchter müssen in den Betrieb integriert werden. Häufig kommt es zu Generationskonflikten. Es gibt zum Beispiel unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft des Unternehmens. Dazu kommen im Handwerk – wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch – Differenzen mit Mitarbeitern oder Auszubildenden, Kunden und Lieferanten, aber auch mit Behörden und anderen Organisationen.

 

Muss immer gleich ein Profi ran oder kann man auch als Betriebsinhaber mediative Techniken anwenden?

Dr. Andreas Frost: Bei Konflikten, die direkt Einfluss auf den Betriebserfolg haben oder in den privaten, familiären Bereich greifen, empfehle ich, immer einen ausgebildeten Mediator einzusetzen. Ist eine Beziehung einmal gestört, lässt sie sich nicht mehr so einfach wiederaufbauen. Ein Betriebsinhaber ist meist selbst emotional involviert und kann kaum die allparteiliche Mitte vertreten. Chef ist nun mal Chef. Hilfreich ist es jedoch auf jeden Fall, mediative Techniken in seinen Berufsalltag zu integrieren und als Führungswerkzeuge einzusetzen. So kann Konfliktpotenzial frühzeitig erkannt und zeit-, ressourcen- und nervensparend entschärft werden. Auch der damit verbundene Lerneffekt – also wie ich einen Konflikt konstruktiv löse – darf nicht unterschätzt werden. Eine gepflegte Streitkultur bringt Teams, Unternehmen und sonstige Organisationen voran. Mediationskenntnisse sind vor diesem Hintergrund auch Führungswerkzeuge und helfen bei der Persönlichkeitsentwicklung.

Passende Artikel
Gesundheit
Stress
Kolumne
Kolumne: Stress, lass nach!

Kolumnist Tobias Nitzschke sagt dem Stress den Kampf an.

Betriebliches Gesundheitsmanagement
Handwerk
Stress
Körperliche Belastung
Betriebe im Stresstest

Katja Keller-Landvogt über die psychische Gesundheit im Arbeitsleben.

Stress
Körperliche Belastung
Führung
Krank durch Stress? Nein danke!

Reinhard Lachner führt ein gesundes Unternehmen.

Bildnachweis Headergrafik: © PhotoAlto/Milena Boniek/Getty Images