Upcycling: Aus Alt wird anders

Mit cleveren Ideen, ungewöhnlichen Materialien und etwas Geschick machen Unternehmer wie Marc Rexroth aus vermeintlichem Müll neue Produkte. Sie sind damit nicht nur nachhaltig, sondern auch sehr erfolgreich.  

Aus Alt wird Anders

Alte und gebrauchte Gegenstände müssen noch lange kein Abfall sein. Erst recht nicht, wenn findige Unternehmer ihnen mit Kreativität neues Leben einhauchen. Upcycling nennt sich diese Art von Wiederverwertung.

Im Gegensatz zum Recycling, bei dem Rohstoffe wie Papier, Glas oder Kunststoffe gesammelt und für neue Produkte verarbeitet werden, steckt beim Upcycling noch mehr Nachhaltigkeit dahinter. Bevor Ausrangiertes im Müll landet, entsteht daraus etwas Neues und Schönes.

 

Notizbücher aus Reifen

Henry Trebstein fertigt mit seiner Frau Kathrin Trebstein und einem Mitarbeiter unter dem Label „arthurkopf“ aus gebrauchten Fahrradschläuchen unter anderem Portemonnaies, Satteltaschen, Notizbücher und Gürtel. Die Idee kam dem Industriedesigner durch sein Hobby: dem Rennradfahren. „Warum nicht aus den alten Reifen etwas Neues schaffen?“, dachte sich Trebstein.

Das erste Produkt, ein Portemonnaie, war geboren. Allerdings musste er zunächst lernen, wie er das robuste Material am besten in Form bringen kann. „Ein Rennradschlauch ist dünner und bietet weniger Fläche als beispielsweise ein Mountainbikeschlauch. Die verschiedenen Qualitäten eignen sich für unterschiedliche Artikel“, sagt er.

Das ist eben nicht wie mit Meterware aus der Fabrik, die man einfach bestellen kann.

In der Anfangszeit wurden die Reifen knapp

Sein Material erhält er von Fahrradläden, die die alten Reifen ansonsten wegwerfen müssten. „Sie sind froh, dass sie sich das Entsorgen sparen und wir mit ihrem Abfall sogar noch etwas Sinnvolles machen“, erzählt Trebstein. Mittlerweile hat er in seiner Werkstatt in Gladbeck ein Lager mit ausreichend Fahrradschläuchen angelegt.

Am Anfang der Upcycling-Geschäftsidee konnten die Reifen vor allem im Winter schon mal knapp werden. „Das ist eben nicht wie mit Meterware aus der Fabrik, die man einfach bestellen kann.“ Zwei Schläuche braucht er beispielsweise für die Herstellung eines Gürtels. Da kommen einige ausgediente Reifen für das Sortiment zusammen.

Tische aus Gerüstdielen

Marc Rexroth benötigt für seine Möbel mit Vorleben ebenfalls ausgedientes Material von Fahrrädern. Bei ihm sind die Schläuche das Verbindungselement seines Regalsystems „moveo.“, das auch aus Einwegpaletten besteht. Das Thema Upcycling betreibt Rexroth bis ins Detail seiner Produkte. Selbst die Winkel sind aus Metallresten entstanden, die sonst in die Verwertung gegangen wären.

„Meine Motivation, mein Unternehmen zu gründen, war das Thema Nachhaltigkeit. Da ist es nur konsequent, diesen Gedanken im Ganzen zu verfolgen“, sagt Rexroth, der 2011 „reditum // Möbel mit Vorleben“ in Köln gründete.

Nach seinem Betriebswirtschafts- und Sinologiestudium wäre der normale Berufsweg eigentlich ein Bürojob in einer Unternehmensberatung gewesen. „Doch ich entschied mich für meine Leidenschaft“ – und das waren individuelle Möbel, die den „08/15-Produkten“ aus der Massenindustrie etwas entgegensetzen können. Er absolvierte ein Praktikum in einer Heidelberger Schreinerei und entwickelte die ersten Ideen.

 

Die Fertigung erfolgt in Behindertenwerkstätten in der Region

Heute hat er eine Mitarbeiterin und vertreibt über seinen Onlineshop momentan drei Produktreihen: ein Regalsystem aus Einwegpaletten, Sitzsäcke aus Seesäcken sowie Tische und Bänke aus Gerüstdielen. Eine neue Kollektion steht bereits in den Startlöchern. Die Fertigung der Möbel erfolgt in Behindertenwerkstätten in der Region – auch hier sei ihm das Thema Nachhaltigkeit wichtig, sagt Rexroth.

Die Materialien haben teilweise eine lange und aufregende Reise hinter sich: So stammen die Seesäcke von der Bundeswehr und der U.S. Army. Während dieses Material über eine Kooperationsfirma bezogen wird und somit eine Verfügbarkeit gewährleistet ist, sieht es ausgerechnet mit dem Holz aus der Nachbarschaft unsicherer aus.

 

„Aus Neu mach Alt“ kommt nicht infrage

Die Gerüstdielen sind mittlerweile bei einigen Unternehmen zur Zweitverwertung beliebt. „Der Markt ist überheizt. Ein paar Firmen nehmen neue Dielen und versehen sie mit Gebrauchsspuren, damit sie alt aussehen“, sagt Rexroth. Das Motto „Aus Neu mach Alt“ käme für ihn allerdings nicht infrage.

Ketten aus Porzellanscherben

In Maria Naucks Werkstatt in Karlsruhe sammelt sich ein anderes altes Material und wartet auf Verarbeitung: Porzellan. Die Designerin verarbeitet für ihre Firma „nauckdesign" Scherben in Schmuckstücke. Ringe, Ohrstecker, Kettenanhänger und Broschen entstehen aus der heruntergefallenen Lieblingstasse. Die Idee zum Schmuck aus diesem besonderen Material hatte Nauck bei ihrer Abschlussarbeit an der Goldschmiedeschule. „Ich komme aus Dresden und liebe Meißner Porzellan. Aus einem Teller vom Flohmarkt fertigte ich meine ersten Broschen“, erzählt sie.

Aus einem Teller vom Flohmarkt fertigte ich meine ersten Broschen.

Mittlerweile schicken ihr Kunden Scherben mit besonderen Erinnerungen oder manchmal auch ganze Teller, die aus einem Geschirrservice übrig geblieben sind. „Eine Kundin hat auf dem Polterabend ihrer Freundin zwei Scherben eingesammelt. Ich habe daraus eine Kette für die Braut gemacht“, sagt Nauck.

Da Porzellan zerbrechlich ist, muss die Designerin bei der Fertigung Fingerspitzengefühl zeigen. Mit Hammer und Zange bringt sie die Scherben in die richtige Form und schleift das Stück mit einer Feile zurecht – beispielsweise rund für einen Kettenanhänger.

„Porzellan ist ein so tolles Material, das meist handbemalt wurde. Ich finde es unglaublich schade, wenn es weggeworfen wird. Ich mache daraus wieder etwas, das man gebrauchen kann. Das ist meine Art von Nachhaltigkeit“, sagt Nauck.

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