Nachhaltig bis ins letzte Korn

Nachhaltigkeit – gut für die Umwelt, schlecht fürs Firmen-Portemonnaie. Ein Vorurteil, das sich immer noch in den Köpfen hält. Dass sich unternehmerischer Erfolg und Umweltfreundlichkeit nicht ausschließen, beweist die Bäckerei Kanne – mittlerweile seit mehr als 40 Jahren.

Nachhaltig bis ins letzte Korn

Bei der Bäckerei Kanne ist das Thema Nachhaltigkeit fest in der Unternehmensphilosophie verankert. Der Betrieb hat eine eigene Windkraftanlage und arbeitet mit Wärmerückgewinnung. Nur zwei Maßnahmen in einer langen Liste von Energieoptimierungen.

Wilhelm Kanne ist erfolgreicher Unternehmer. Die Bäckerei Kanne GmbH & Co. KG aus Lünen beschäftigt 420 Mitarbeiter – allein in den vergangenen zehn Jahren wurden mehr als 100 neue Arbeitsplätze geschaffen. „Es hätten sogar noch mehr sein können, aber Beständigkeit und Nachhaltigkeit sind uns wichtiger als schnelles und ungesundes Wachstum“, sagt der 36-Jährige.

Auf dem Gelände steht ein firmeneigenens Windrad

Ein Vorsatz, der gut klingt, bei dem Kritiker allerdings hellhörig werden könnten: freiwilliger Verzicht auf Wachstum? Die Skepsis verfliegt schnell, wenn man sich anschaut, was Wilhelm Kanne und sein Vater Wilhelm Karl alles für den Umweltschutz tun. Schon auf dem Betriebsgelände wird der Besucher von einem Windrad empfangen, auf dem Dach einer Lager- und Mehrzweckhalle errichtete die Bäckerei eine Photovoltaikanlage. „Insgesamt werden durch Wind- und Sonnenkraft etwa 1,2 Millionen Kilowattstunden an regenerativer Energie erzeugt. Mehr als die Hälfte davon fließt in die eigene Produktion“, erklärt Kanne.

nachhaltiger Bäcker, Kanne

Auf dem Firmengelände steht eine eigene Windkraftanlage.

© Bäckerei Kanne

Als das Unternehmen 1998 die erste kleine Windkraftanlage installierte, lag diese Wirtschaftlichkeit noch in weiter Ferne. „Die Banken schlugen damals die Hände über dem Kopf zusammen“, erinnert sich Kanne. „Aber für uns war es das richtige System.“ Nicht das erste Mal, dass die Firma der Zeit im Bereich Nachhaltigkeit voraus war. Schon der Großvater von Wilhelm Kanne setzte auf Ökologie und gesunde Ernährung. Sein Enkel bezeichnet ihn stolz als „Pionier im Nachhaltigkeitsmanagement“.

Bereits 1983 setzte sich Wilhelm Kanne sen. für die biologische Landwirtschaft ein und überzeugte Bauern, auf biologischen Getreideanbau umzustellen. „Die Idee meines Opas, ein Reinheitsgebot für Brot einzuführen, fand allerdings damals noch keinen Anklang. Ansonsten wäre in Deutschland im Bäckerwesen heute einiges anders“, sagt Kanne. Für die eigene Backstube setzte er das Konzept aber um – bis heute verzichtet der Betrieb auf den Einsatz von Fertigprodukten, Backmischungen, Geschmacksverstärkern und Emulgatoren.

nachhaltiger Bäcker, Kanne

Die Firma beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit. Schon 1983 setzte sich Wilhelm Kanne sen. für die biologische Landwirtschaft ein.

© Bäckerei Kanne

Der Großvater gab seinen Idealismus an die nachfolgenden Generationen weiter. „Das macht den Unterschied zu anderen Unternehmen aus, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben haben. Bei uns ist es eine tiefe Überzeugung, die man unserer Familie abnimmt, weil wir uns seit mehr als 40 Jahren mit dem Thema beschäftigen“, sagt der Geschäftsführer. Diese Glaubwürdigkeit sei mit keiner klugen Marketingstrategie der Welt zu erreichen. „Wir haben kein festes Nachhaltigkeitskonzept. Es ist vielmehr eine permanente Beschäftigung mit dem Gebiet. Stück für Stück kommen neue Impulse dazu.“

Auch bei uns ist dieser umfangreiche Katalog nicht über Nacht entstanden. Man muss nur einfach anfangen.

Restwärme der Öfen wird genutzt

So erneuerte der Betrieb 2004 seine Backstraße und integrierte gleich eine Wärmerückgewinnung. Die Restwärme der Öfen sowie die Abwärme der Schwadendämpfe und Rauchgase werden seitdem mithilfe von Kondensatoren zur Warmwasserbereitung der Spülmaschinen genutzt. 30 bis 40 Prozent der Wärmeverluste lassen sich so zurückholen.

Mit dieser Maßnahme ist die Liste mit Energieoptimierungen noch lange nicht vollständig: Das Unternehmen stellte von Heizöl auf Erdgas um. Die Backöfen sind mit einer zeitlichen Steuerung versehen: Werden einzelne Anlagen nicht benötigt, schalten sie automatisch ab. Bewegungssensoren regeln das Licht in den Produktionsräumen. Bei Renovierungen und Neueröffnungen ihrer Filialen setzt die Firma nur Energiespar- und LED-Lampen ein. „Auch solche vermeintlich kleinen Mittel sind Bausteine für den Ressourcenschutz. Und sie sind leicht zu realisieren und gut zu kalkulieren“, betont Betriebsinhaber Kanne.

Der Imagegewinn ist nicht konkret messbar

Denn zusätzlich zum Blick auf die Umwelt müssen bei der Bäckerei Kanne am Ende auch die Zahlen stimmen. Wie viel Geld das Unternehmen mittlerweile insgesamt mit der Nutzung regenerativer Energien und seinen anderen ökologischen Vorkehrungen einspart, kann Wilhelm Kanne nicht beziffern. Zumindest ein Teil lässt sich in Zahlen gießen: Die Wärmerückgewinnung und die Regeltechnik der Öfen sparen zusammen im Jahr rund 60.000 Kilowattstunden.

Der Imagegewinn ist erst recht nicht konkret messbar. Vor allem in der Region hat die Bäckerei einen guten Ruf – auch weil das Unternehmen auf Regionalität setzt. Das Getreide wird überwiegend bei umliegenden Biolandwirten gekauft. Auch für andere Rohstoffe greift der Betrieb auf Lieferanten aus der Region zurück. Fleisch und Wurst erhalten die Filialen beispielsweise von einer Metzgerei aus Lünen, die wiederum aus der Nachbarschaft ihre Schweine bezieht. Ein ganzheitliches Kreislaufdenken, das sich sogar auf das Fuhrparkmanagement auswirkt. Die 30 Filialen, die täglich bis zu dreimal angesteuert werden, befinden sich in einem Umkreis von 25 Kilometern um die Backstube herum.

Nachhaltigkeitskonzept bei Kanne

Anderen Betrieben, die vor den zahlreichen Maßnahmen im Sinne der Nachhaltigkeit zurückschrecken, gibt Wilhelm Kanne Folgendes mit auf den Weg: „Auch bei uns ist dieser umfangreiche Katalog nicht über Nacht entstanden. Man muss nur einfach anfangen. Das war für uns ein langer Prozess, der längst noch nicht beendet ist.“

Mitarbeiter werden zu Nachhaltigkeitsmanagern ausgebildet

Um frühzeitig nachhaltige Innovationen einfließen zu lassen, arbeitet das Unternehmen unter anderem mit dem Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung (ZNU) der Universität Witten-Herdecke zusammen. Experten des Zentrums sollen bald einige Mitarbeiter zu Nachhaltigkeitsmanagern ausbilden. „Die sind vor allem dafür zuständig, sich mit ihren Kollegen über das Thema und neue Projekte auszutauschen. Vielleicht auch, um Ideen aus der Mitarbeiterschaft zusammen umzusetzen. Wir wollen damit erreichen, dass sich unsere Philosophie noch tiefer in den Köpfen der Mitarbeiter verankert“, erklärt der Geschäftsführer das Konzept.

Und noch ein weiteres Ziel für die Zukunft hat sich das Unternehmen gesetzt: Der Fuhrpark soll auf umweltfreundliche Treibstoffe umgestellt werden. Die Batterie der Elektrofahrzeuge soll dann mithilfe der firmeneigenen Windkraft- und Solaranlage aufgeladen werden. 

Wieder ein Kreislauf, der sich im Sinne der Nachhaltigkeit schließt.

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