Zwei, die aus der Rolle fallen

Jeder zweite Mann und jede dritte Frau übt einen geschlechtsspezifischen Beruf aus. Kathrin Wernicke schwimmt gegen den Strom. Sie arbeitet im Garten- und Landschaftsbau. Auch Oliver Ferchland geht nicht mit der Masse. Er ist Florist. Beide sind Exoten – und glücklich mit ihren Jobs.

 

Zwei, die aus der Rolle fallen

Kathrin Wernicke hält nicht viel von Klischees. Das wird bei einem Blick auf ihren Lebenslauf klar. Sie absolvierte eine Maler- und Lackiererausbildung, arbeitete im Lager eines Großhandels für Sanitärbedarf und als Müllwerkerin. Heute ist sie im Garten- und Landschaftsbau bei der Stadt Langenfeld tätig, wieder ein Beruf, der von Männern dominiert wird.

Von 31 Kollegen in diesem Bereich sind 30 männlich. „Ein typischer Frauenberuf käme für mich nicht infrage“, sagt die zweifache Mutter. Spätestens nach einer Station als Bürokauffrau war ihr das klar. Ihr Ding ist körperliche Arbeit mit schweren Maschinen an der frischen Luft.

Wernicke ist eine Exotin in der deutschen Berufslandschaft. 49 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen haben Jobs, die zum Großteil von Menschen des eigenen Geschlechts ausgeübt werden. Das Statistische Bundesamt hat ausgewertet, wie sich die Arbeitsplatzverteilung in den vergangenen 20 Jahren unter Männern und Frauen entwickelt hat. An den beruflichen Rollenbildern hat sich kaum etwas geändert.

 

Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey erzielen Firmen mit einer ausgewogenen Beteiligung von Männern und Frauen einen um 56 Prozent höheren Betriebsgewinn als rein männlich besetzte Unternehmen. Zudem schaffen es gemischte Teams besser, Krisenzeiten zu überstehen.

Wenn eine rein weibliche oder männliche Mitarbeitergruppe durch einen Vertreter des anderen Geschlechts ergänzt wird, ist das Klima ausgewogener. Das hat das Massachusetts Institute of Technology herausgefunden. „Stutenbissigkeit“, zu der es in Frauenteams kommen kann, nimmt ab, sobald ein Mann im Team ist. Umgekehrt ist eine Frau eine Bereicherung für Kollegen: Der Umgangston wird freundlicher, es gibt seltener Machtkämpfe.

Die Ergebnisse der Studie aus den USA zeigen zudem: Eine Frau im Team bedeutet einen Gewinn an Empathie. Frauen können Emotionen schneller lesen, sich besser in ihre Kollegen hineinversetzen. Und wer sich verstanden fühlt, ist zufriedener.

Oliver Ferchland arbeitet als Florist. <p><span class="picinfo"> © Andreas Gruner/Mediagroup Code 7 </span></p>

Oliver Ferchland arbeitet als Florist.

© Andreas Gruner/Mediagroup Code 7

Per Zufall zum Traumberuf

Oliver Ferchland kennt das Gefühl, allein unter Frauen zu sein. Er ist Florist. Die Frauenquote in seinem Berufsfeld ist seit 1999 unverändert. Sie liegt laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei fast 94 Prozent. Mit 14 Jahren entdeckte Ferch­land seinen Traumberuf. „Aus Versehen während eines Schülerpraktikums“, sagt er. Weil seine Wunschfirma absagte, landete er bei einer Floristin. „Ich war sofort begeistert, dass ich mich kreativ mit Naturmaterial ausleben konnte.“

Dass es nur Kolleginnen gab, störte ihn nicht. Seine Familie reagierte allerdings zunächst verhalten, als er seine Floristenausbildung begann. „Die Männer in meiner Familie sind fast alle Maschinenbauer.“ Heute nutzt er das handwerkliche Vorwissen, das ihm seine Familie mit auf den Weg gegeben hat, für den Job. Nicht selten setzt er Zange oder Säge ein, wenn er Pflanzendekorationselemente, beispielsweise für Messen, baut.

Nur wer anpackt, überzeugt

Auch Kathrin Wernicke musste sich mit Bedenken aus ihrem Umfeld auseinandersetzen. Vor allem während ihrer Zeit als Müllwerkerin. „Überleg dir das gut. Das ist doch eine Männerdomäne“, redete ihr Vater auf sie ein. Doch wenn sie lächelnd von ihrem Job erzählte, waren alle Vorbehalte verflogen. Die männlichen Kollegen konnte sie nicht einfach mit einem Lächeln von sich überzeugen. Wollte sie auch nicht, sagt Wernicke.

„Ich will keine Sonderbehandlung, weil ich eine Frau bin. Ich packe genauso an wie ein Mann. Wenn schwere Kübel getragen werden müssen, käme ich nie auf die Idee, einen Kollegen darum zu bitten.“ Um körperlich mithalten zu können, geht sie regelmäßig ins Fitnessstudio. Ihre Einstellung hat der 42-Jährigen schnell Respekt eingebracht. Nur eine „Extrawurst“ gibt es doch: Während sich die 30 Männer Umkleideraum und Duschen teilen müssen, hat sie einen Bereich für sich.

 

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