Über die Bühne in den Beruf

Langzeitarbeitslose Menschen haben immer größere Schwierigkeiten, wieder einen Job zu bekommen. Dabei können sie für Betriebe eine Chance sein, neue Fachkräfte zu gewinnen. Die Bochumer defakto GmbH bereitet diese Kandidaten auf die Berufswelt vor – mit Theaterprojekten.

Bretter, die die Berufswelt bedeuten

Mit Theaterprojekten will eine Bochumer Firma Laienschauspielern frisches Selbstbewusstsein und damit neue Berufsperspektiven vermitteln. Seit der Gründung hat die defakto GmbH in zwei Jahren rund 400 Projektteilnehmer in Jobs vermittelt. Betriebsinhaber können sich ihre potenziellen Mitarbeiter auf der Bühne anschauen.

Markus Keller will seine Kunden loswerden. Genau darum geht es in seinem Unternehmen. Die defakto GmbH hilft schwer vermittelbaren arbeitslosen Menschen wieder auf die Beine – und das laut Firmenslogan „nach allen Regeln der Kunst“. Anstatt auf schnöde Weiterbildungskurse oder Bewerbungstrainings setzen die Bochumer auf Theater.

Während arbeitslose Alleinerziehende oder Schulabbrecher ein Bühnenstück erarbeiten, lernen sie grundlegende Fertigkeiten, wie Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Konzentration oder Abstraktionsvermögen. Ein Theaterpädagoge und ein Bewerbungscoach helfen ihnen zudem in Kursen und Einzelberatungen, ihr Leben zu ordnen und eine neue Stelle zu finden.

Wer Schreiner werden will, kann das Bühnenbild bauen.

Ohne Ausbildung und ohne Job

Jennifer hat diese schon so gut wie in der Tasche. Die 31-Jährige war die meiste Zeit ihres Erwachsenenlebens arbeitslos – nun hat sie nach nur drei Monaten bei Defakto eine mündliche Zusage für eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau.

Damit ist sie den meisten anderen, die an diesem Dezembervormittag in einer ehemaligen Fabrikhalle in Düren bei Köln um sie herum sitzen, um einiges voraus. Alle im Stuhlkreis sind älter als 25, ohne Ausbildung – und wollen das ändern. Defakto-Geschäftsführer Keller ist mit Projektleiterin Jutta Steinbusch zu Besuch, um sich nach dem Zwischenstand zu erkundigen.

defakto, Theaterprojekt

Bei den Theaterprojekten lernen die Teilnehmer auch, zuzuhören und Regieanweisungen zu befolgen - das kann ihnen auch im Berufsleben weiterhelfen.

© Bernd Nörig

Aktuell laufen bei defakto 17 verschiedene Projekte von der Nordsee bis nach Freiburg. Bei seiner Expansion geht defakto bewusst vor. „Ein Projekt braucht eine Mindestgröße, damit wir genug Leute zusammen bekommen“, sagt Keller. Aktuell steht das Unternehmen mit rund einem Drittel der 408 deutschen Jobcenter in Kontakt. Je nach örtlichem Bedarf hat defakto sieben verschiedene ART-Projekte in petto: sei es für Migranten, Alleinerziehende, Schulabbrecher oder Rehabilitanden.

 

Für jeden die passende Rolle

Dank der Theaterarbeit finden die Teilnehmer wieder zu sich selbst – und einen Job. Projektleiterin Jutta Steinbusch betont die Vorteile: „Auf der Bühne lernen sie ein selbstsicheres Auftreten, wie ihre Körpersprache und Mimik auf andere Menschen wirkt und wie sie in andere Rollen gehen können.“

Hinzu kommt die Vielseitigkeit: „Wer Schreiner werden will, kann das Bühnenbild bauen. Wer sich für Make-up und Haare interessiert, kann sich um die Maske kümmern. Wer in die Öffentlichkeitsarbeit will, kann Flyer schreiben und gestalten. Und wer sich für Gastronomie interessiert, kann das Catering zubereiten und servieren.“

Im Theater arbeitest Du an Dir selbst.

Berufseinstieg über Praktika

Bei defakto können sich die Teilnehmer orientieren. Dazu gehört auch Nikolai, 31. Sein Maschinenbaustudium an der Fachhochschule Jülich zog sich über sechs Jahre hin. Es ging nicht voran, ein Kind war unterwegs – und er sagte sich: „So kann das nicht weitergehen. Ich brauche einen handfesten Beruf.“ Diesen hofft Nikolai hier zu finden. Der Vorteil: Drei Praktika gehören zu den Projekten: ein eintägiges, ein einwöchiges und ein achtwöchiges.

Nikolai hat seinen Schnuppertag gerade in einem Gärtnereibetrieb hinter sich gebracht – und gemerkt: Das ist nichts für ihn. Nun soll es zurück in den technischen Bereich gehen: Industriemechaniker steht auf seiner Wunschliste.

Teamplayer mit innerem Antrieb

Nikolai ist froh, hier zu sein. „Im Theater arbeitest Du an Dir selbst“, sagt er. „Hier habe ich auch gelernt, wie Teamarbeit funktioniert und wie wichtig das ist.“ Geschäftsführer Keller sieht als großes Plus für Arbeitgeber, dass die ART-Projekte die Persönlichkeit der Menschen stärken. Wenn sie eine Entscheidung treffen, dann aus innerem Antrieb heraus, und nicht, weil sich nichts Besseres ergibt. Das hält sie in den Jobs und macht sie nach einem halben Jahr nicht gleich wieder arbeitslos.

Vor allem Arbeitgeber aus der Alten- und Krankenpflege, der Gastronomie, der Logistik, aus Reinigungsfirmen oder Großbäckereien kommen zu defakto, sitzen bei den Aufführungen im Publikum und lernen so ihre potenziellen künftigen Mitarbeiter von einer ganz besonderen Seite kennen. „Diese Firmen haben es häufig schwer, Mitarbeiter zu gewinnen“, sagt Keller. „Sie wollen keine guten Arbeitnehmer – sie wollen vor allem gute Menschen.“

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Bildnachweis Headergrafik: © Bernd Nörig