Meister trotz Schulabbruch

Einer von 20 Jugendlichen in Deutschland verlässt die Schule ohne Abschluss – und ist damit für den Arbeitsmarkt so gut wie verloren. Oder etwa doch nicht? Christian Bartels hat es auch ohne geschafft. Mit 14 besuchte er eine Lehrwerkstatt – und startete anschließend als Metallbaumeister durch.

Meister trotz Schulabbruch

Die Schule war nicht sein Ding. Christian Bartels hielt sich nicht an Regeln, geschweige denn an den Stundenplan. Wenn er dann doch mal im Unterricht saß, störte er und rebellierte gegen die Lehrer – bis diese ihm ganz offiziell die Zusammenarbeit kündigten. Ohne Abschluss verließ Bartels mit 14 Jahren die Hauptschule, frustriert, mitten in der Pubertät und ohne Perspektive. Endstation Hartz IV?

Das war vor nunmehr 18 Jahren. „Ich wusste wirklich nicht, was ich nach der Schule machen sollte“, sagt Bartels heute. Nur eines wollte er nicht: ein Leben als „Sozialfall“, wie er sagt. Nichts hasst er mehr als rumsitzen. Also besuchte er die Lehrwerkstatt des Kolping-Bildungswerks (KB) in Emmerich. Dort bekam er Hilfe bei Bewerbungen und lernte, mit Metall zu arbeiten und zu schweißen. „Etwas herzustellen und zu fertigen, das hat mir großen Spaß gemacht.“

Endlich wissen wofür

Die vom Arbeitsamt geförderte Maßnahme beim Kolpingwerk war ein Wendepunkt in seinem Leben. Auch weil Bartels dort auf einen engagierten Betreuer traf, der an den Schulabbrecher glaubte – und ihn schließlich zum Metallbauer mit der Fachrichtung Konstruktionstechnik ausbildete. „Ich hatte plötzlich eine Aufgabe, die mir Spaß machte“, sagt Bartels. Endlich wusste er, wofür er morgens aufsteht. Statt Mathematik, Biologie und Geschichte zu büffeln, arbeitete er nun konkret an einem physisch greifbaren Objekt.

In den zentralen Anlaufstellen sollen Jugendliche unter einem Dach Angebote von Jobcenter, Arbeitsagentur, Jugendamt und Schulen finden. Sie können sich dort über Ausbildungen informieren und coachen lassen. Auch Unternehmen sind hier gern gesehen. Die Agentur für Arbeit vermittelt Plätze in Betrieben.

 

Das Kolping-Bildungswerk umfasst bundesweit 200 Einrichtungen und gehört zu den größten freien Trägern in der beruflichen Bildung. Die Angebote werden jedes Jahr von etwa 15.000 jungen Menschen wahrgenommen – auch von Jugendlichen ohne Schulabschluss. In Lehrwerkstätten können Unternehmen mit den potenziellen Azubis in Kontakt treten.

 

Jugendliche ohne Schulabschluss können das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) nutzen, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Im BVJ besuchen Jugendliche ein Jahr lang eine berufsbildende Schule und absolvieren ein Jahrespraktikum. An einem Tag in der Woche sind sie in einem Betrieb. Ansprechpartner für Unternehmen sind die Agentur für Arbeit und die Jugendberufsagenturen.

Für Betriebe können Schulabbrecher ein großer Gewinn sein. Bartels blühte bei der Arbeit auf. Mit seiner Begeisterung überzeugte er den Chef und glänzte mit großer Leistungsbereitschaft. Bartels ergriff die Chance, schloss die Ausbildung als einer der Besten ab. 2005 bekam er eine Anstellung bei dem metallverarbeitenden Betrieb Schwarz in Wesel.

Leistungsbereitschaft ist vorhanden

Heute steht sein Werdegang als positives Beispiel für eine Karriere ohne Schulabschluss. Und das ist keine Selbstverständlichkeit. Mehr denn je gelten Abitur, mittlere Reife und Hauptschulabschluss als wichtigste Mittel gegen die Arbeitslosigkeit. Wer die Schule ohne Abschlusszeugnis verlässt, hat deutlich weniger Chancen auf einen Ausbildungsplatz und zwangsläufig eine schlechte Berufsperspektive.

Auf der anderen Seite steigt die Zahl der Schulabbrecher alarmierend an. In Deutschland ist inzwischen jeder 20. Jugendliche betroffen. Die Bildungsstudie der Caritas „Bildungschancen vor Ort“ kommt zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2013 etwa 5,6 Prozent nicht einmal den Hauptschulabschluss erreicht haben.

 

Betriebe profitieren mehr von einem hochmotivierten Auszubildenden.

Angesichts des viel zitierten Fachkräftemangels ist es für Unternehmen eine mögliche Maßnahme, auf engagierte Schulabbrecher zurückzugreifen. Die Zusammenarbeit mit staatlichen und privaten Stellen, mit dem Ziel, Jugendlichen ohne Schulabschluss eine Chance zu geben, kann sich lohnen. Denn nicht immer ist der Schulabbruch mit mangelnder Leistungsbereitschaft gleichzusetzen. Bartels ist das beste Beispiel.

„Betriebe profitieren mehr von einem hochmotivierten Auszubildenden als von einem hochgebildeten“, sagt sein Chef Christoph Schwarz. Außerdem sei es heute immer schwieriger für Unternehmen, passende Mitarbeiter zu finden. Es lohne sich deshalb, die Suche um Schulabbrecher, die wirklich Lust auf den Job haben, zu erweitern.

Vorbild für andere

Für Bartels lief es nach der Ausbildung so gut, dass er seine Kenntnisse in den Folgejahren vertiefen konnte. Er besuchte Fortbildungen, bildete sich zu Hause weiter und tauschte sich mit Kollegen anderer Betriebe aus. Heute, mit 32 Jahren, ist er Metallbaumeister und längst zum Vorbild für andere geworden. Als Leiter der Produktion bei Schwarz trägt er Verantwortung. Bartels ist penibel, aber menschlich. Mit ihm darf auch gelacht werden. Seine Geschichte hält er selbst für „nicht erzählenswert“.

„Das Engagement und der Glaube an sich zeichnen Christian Bartels aus. Sein Werdegang ist auch Ansporn für diejenigen, die keinen guten Start ins Berufsleben haben“, sagt Schwarz. Bartels gebe nie auf. „Das ist eine wichtige Eigenschaft im Handwerk.“ Rückblickend sagt Bartels: „Als Jugendlicher hatte ich keinen Ansporn, zur Schule zu gehen. Mittlerweile weiß ich aber, was ich kann.“ Das habe halt eine gewisse Zeit gedauert.

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