Mein Kollege, der Flüchtling

Fachkräftemangel auf der einen Seite, Flüchtlingswelle auf der anderen. Immer mehr Betriebe nutzen ihre Chance, mit qualifizierten Einwanderern offene Stellen zu besetzen. Allerdings müssen sie dafür so manche bürokratische Hürde nehmen.

Mein Kollege, der Flüchtling

Bilder sagen mehr als Worte. Oder sie dienen gleich als Sprachrohr – wie bei Stuckateurmeister und Restaurator Sebastian Rost in Berlin. Sein Betrieb bildet seit September einen Flüchtling aus Burkina Faso aus. Abdul Bancé spricht Französisch – seine Kollegen allerdings nicht. Als erste Verständigungshilfe hat sein Ausbildungsleiter Fotos von allen Werkzeugen gemacht und neben die Bilder den deutschen Begriff geschrieben.

Kreative Ideen wie diese sind es, die dabei helfen, Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Mehr als eine Million Neuankömmlinge wurden 2015 in Deutschland erwartet. Während Pessimisten die hohen Kosten für die Integration fürchten, betonen Optimisten das hohe Potenzial für die Wirtschaft.

Für Handwerksbetriebe können die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea mit Sicherheit eine Chance sein, um personelle Engpässe zu beheben. Nach Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) würden ohne steigende Einwanderung 2025 rund 3,5 Millionen Erwerbspersonen fehlen.

Großes Informationsangebot

Dr. Rainer Flohr, Inhaber und Geschäftsführer des mittelständischen Unternehmens HEW-Kabel mit Sitz in Wipperfürth, hat früh erkannt, welche Möglichkeiten die Flüchtlingswelle bietet. Bereits im März dieses Jahres bat er seinen Personalchef Andreas Schletter, sich über das Thema zu informieren. Ein Mitarbeiter, der in der Flüchtlingshilfe engagiert ist, brachte ihn auf die Idee, zwei Syrer einzustellen. „Ich habe zwei Wochen gebraucht, bis ich mich über die gesetzlichen Bestimmungen einigermaßen informiert hatte“, sagt Schletter. Zu diesem Zeitpunkt seien die Informationen noch sehr undurchsichtig gewesen.

Mittlerweile können Unternehmer auf eine Vielzahl von Hilfen zurückgreifen. Die Handwerkskammern, die Industrie- und Handelskammern sowie die Bundesagentur für Arbeit haben Broschüren zum Thema erstellt. Zudem gibt es in nahezu jeder dieser Institutionen einen Ansprechpartner, der Betrieben bei Fragen zur Einstellung von Flüchtlingen zur Seite steht. Schletter empfiehlt zudem die Online-Jobbörse „Workeer“, die Geflüchtete an Arbeitgeber vermittelt.

Er ist ohne Zeugnisse geflüchtet.

Doch während sich der Zugang zu Informationen verbessert hat, ist der bürokratische Aufwand immer noch groß. Bevor ein Flüchtling eine Beschäftigung aufnehmen darf, muss die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) eine Vorrangprüfung durchführen. Es wird zunächst deutschlandweit nachgefragt, ob es einen Bürger mit sicherem Aufenthaltsstatus für die Stelle gibt. Bei den Kandidaten für die Firma HEW-Kabel, einem Bauingenieur und einem Elektroingenieur aus Syrien, dauerte die Prüfung unterschiedlich lange. Die erste Genehmigung ließ fast zehn Wochen auf sich warten, der zweite Antrag folgte bereits nach vier. „Ich habe den Prozess intensiv begleitet. Beim Arbeitsamt angerufen und bei der ZAV nachgefragt. Ein persönlicher Kontakt zu den Behörden ist wichtig, wenn man einen Flüchtling einstellen möchte“, sagt Schletter.

 

Berufe ausprobieren

Auch Sebastian Rost weiß, dass es beim Thema Flüchtlingsintegration im Betrieb auf Durchhaltevermögen ankommt. Abdul Bancé wurde seinem Betrieb von „Arrivo Berlin“ vermittelt. Die Ausbildungs- und Berufsinitiative bringt kostenlos Handwerksunternehmen und geflüchtete Menschen zusammen. Sie wird getragen von der Senatsverwaltung für Arbeit, der Handwerkskammer Berlin und dem Netzwerk für Bleiberecht „bridge“.

In fachspezifischen Workshops, die gemeinsam mit Innungen der Handwerkskammer organisiert werden, können die Flüchtlinge ausprobieren, welcher Beruf zu ihnen passt. „Wir schauen dann in unserem Netzwerk, das derzeit 160 Unternehmen umfasst, welche Betriebe passen“, sagt Projektleiter Anton Schünemann.

Stuckateurmeister Sebastian Rost hat einem Flüchtling eine Chance gegeben.

Stuckateurmeister Sebastian Rost hat einem Flüchtling eine Chance gegeben.

© privat

Praktikum als Probe

Abdul Bancé hatte bereits Erfahrung mit dem Material Gips und hatte in einer Stuckateurwerkstatt in Italien gearbeitet. „Ich musste mich am Anfang einfach darauf verlassen, was er als Fähigkeiten angab. Er ist ja ohne Zeugnisse geflüchtet“, sagt Rost. In einem vierwöchigen Praktikum testete er das handwerkliche Geschick des 21-Jährigen. Bancé überzeugte. Rost beschreibt ihn als fleißig, lernfähig und freundlich – die wichtigsten Grundvoraussetzungen für den Job. Alles andere könne man ihm beibringen.

„Natürlich ist er ohne Sprachkenntnisse am Anfang nicht so effizient wie ein deutschsprachiger Mitarbeiter. Aber um gute Fachkräfte für seinen Betrieb zu gewinnen, muss man manchmal Umwege in Kauf nehmen.“

Sein Ziel sei es – wie bei jedem Auszubildenden –, Bancé nach der Lehre zu übernehmen. Während der dreijährigen Ausbildung darf er nicht abgeschoben werden, wie sein Aufenthaltsstatus danach aussehe, müsse man schauen.

Rost lässt sich von Bürokratie nicht mehr abschrecken. Seine positive Erfahrung mit Bancé hat ihn überzeugt. Er plant gerade einen weiteren jungen Mann aus Afrika als Maurer anzustellen. Läuft beim Kennenlernpraktikum alles glatt, hat der nächste Flüchtling den ersten Schritt für eine Zukunft in Deutschland geschafft.

Bildnachweis Headergrafik: © Tobias Kruse/Ostkreuz