Haltung bewahren

Körperliche Überlastung ist ein Problem, das in vielen Handwerksberufen vorkommt. Doch schon mit einfachen Mitteln und Wegen können Betriebe vorbeugen. Wie es geht, machen Industrie und Konzerne schon lange vor.

Eine Frage der Haltung

Egal ob im Büro oder auf der Baustelle – Arbeits­platzergonomie zahlt sich aus. Wer seinen Mitarbeitern ein Umfeld und Werkzeuge stellt, die Gelenke und Rücken schonen, reduziert Fehlzeiten und steigert Einsatzbereitschaft und Motivation.

Sitzen Sie richtig? Rücken gerade, Blick nach vorne, mindestens 50 Zentimeter Abstand zum Monitor, Knie und Ellenbogen im 90-Grad-Winkel? Das ist der ergonomische Goldstandard für Schreibtischtäter. Die Ergonomie als Wissenschaft befasst sich mit optimalen Arbeitsabläufen und der Gestaltung von Arbeitsgeräten. Und für keinen anderen Arbeitsplatz kursieren vergleichbar detaillierte Empfehlungen wie zu Bürostuhl, Bildschirm und Beleuchtung. Ideal angeordnet sollen diese Schultern, Gelenke und Rücken schonen.

„Physische Inaktivität, wie in vielen Bürojobs, ist allerdings nur eine der beiden Ursachen für Muskel-Skelett-Erkrankungen“, erklärt Dr. Dirk Ditchen, Leiter des Referats Arbeitswissenschaft/Ergonomie am Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA).

„Eine weitere Gefahrenquelle stellt körperliche Überlastung dar, wie sie in vielen Handwerksberufen vorkommen kann.“ Ein Maurer etwa bewegt in seinem Job täglich sieben bis acht Tonnen Backstein, haben Schweizer Experten für Arbeitsplatzgestaltung ausgerechnet.

Eine Friseurin arbeitet laut einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gut zwei Drittel des Tages in ungünstigen Arm- und Körperhaltungen und bewegt ihre Schneidehand dabei bis zu 15.000 Mal.

Zwangshaltungen vermeiden

Rund ein Viertel aller Berufstätigen in Deutschland bewegt laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) häufig schwere Lasten, jeder sechste arbeitet regelmäßig in einer Zwangshaltung. Die Folgen sind schmerzhaft: Muskel-Skelett-Erkrankungen sind mit rund 25 Prozent in Deutschland der häufigste Grund für eine Krankschreibung. Rückenschmerzen gelten als arbeitsbedingte Volkskrankheit Nummer eins, gefolgt von Beschwerden am Unterarm oder Handgelenk. In Summe verursachen diese Erkrankungen einen jährlichen Produktivitätsausfall von gut 10,6 Milliarden Euro.

Mehr Motivation und Produktivität

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© Bosch/AGR e.V.

Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten wirken sich unmittelbar auf den Betrieb aus. Forschungsergebnisse der Gesetzlichen Unfallversicherung zeigen:
Ergonomie macht die Beschäftigten nicht nur gesünder, sondern auch motivierter und produktiver. Gleichzeitig sinkt der Aufwand für Nacharbeiten ebenso wie der für den Ersatz von krankheitsbedingten Ausfällen. „Industrie und Konzerne achten deshalb schon seit vielen Jahren auf ergonomische Arbeitsplatz- und Werkzeuggestaltung“, sagt Ditchen.

Im Handwerk setze sich der Trend langsamer durch, auch weil die Umsetzung dort schwieriger sei. „Das sind häufig kleine Betriebe, deren Mitarbeiter keinen stationären Arbeitsplatz haben, sondern auf wechselnden Baustellen unterwegs sind, einschließlich ihrer Werkzeuge und Arbeitsgeräte“, so der Experte.

Außerdem müssen Investitionen – etwa in neue Werkzeuge – sorgfältiger abgewogen werden. Möglichkeiten gibt es dennoch. Fachleute wie Ditchen arbeiten bei Beratungen nach dem TOP-Prinzip. Die Abkürzung steht für Technik, Organisation, Persönliches. „In dieser Reihenfolge überprüfen wir, ob technische Hilfsmittel infrage kommen, organisatorische Verbesserungen oder persönliche Ansätze“, erklärt der IFA-Experte.

Der Chef steuert mit

Neben Investitionen in Werkzeuge und Geräte gibt es also auch kostenlose organisatorische Maßnahmen, wie etwa Job-Rotation, klare Pausenzeiten oder die Vorgabe, dass schwere Lasten immer nur zu zweit gehoben werden. „Gute Arbeitsplatzergonomie im Handwerk hängt stark von der persönlichen Einstellung des Betriebsinhabers ab“, weiß Ditchen. Oft sind entsprechende Werkzeuge und Geräte in den Betrieben auch schon vorhanden, werden aber nicht oder nicht richtig genutzt. Ditchen will mit seiner Forschung deshalb weiter Überzeugungsarbeit leisten.


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